Liebe Kathrin
Ich bin gerade daran, den Salat für das Nachtessen zu waschen. Da läutet es an der Türe. Nanu! Ich erwarte niemanden. Ach, es muss einer der Fahrenden sein. Die wollen mir jedes Jahr Messer und Scheren schleifen, Besen oder selbst geflochtene Körbe verkaufen. Ich streife meine nassen Hände an der Schürze ab und gehe zur Türe.
Ein junger, blondgelockter Mann steht draussen. Er lächelt mir zu.
«Was wollen Sie?», frage ich ihn unwirsch, «Meine Messer sind alle noch scharf und von Ihren geflochtenen Körben haben wir bereits zu Genüge.»
Er lächelt noch immer. Er hat aussergewöhnlich blaue Augen. Nicht stahlblau, nicht ein wässriges Blau. Nein es ist das Blau eines Sommerhimmels am Nachmittag, wenn du geradewegs in den Himmel hinaufschaust. Ein unglaubliches Himmelsblau.
«Darf ich hereinkommen?»
Ich starre den Fremden an, mache unwillkürlich einen Schritt beiseite, er tritt ein, zieht seine silbernen Schuhe aus und stellt sie sorgsam auf das Schuhregal. Silberne Schuhe, als wären sie aus einem metallischen Material.
«Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?», ich fasse es nicht, was ich da tue. Ihn hereinlassen, ihn zu einem Kaffee einladen. Der Unbekannte gleitet wie schwebend hinter mir zur Küche hin und nimmt die Tassen aus dem Schrank, derweil ich den Wasserkocher mit Wasser fülle und danach drei Löffel Kaffee in den French Press gebe.
Der Fremde gleitet zum Esstisch, nimmt zwei der Sets, die ich über die Stuhllehne gelegt hatte, als ich den Tisch abwischte, gleitet zu mir zurück in die Küche, nimmt den Rahm aus dem Kühlschrank, ergreift mein Kaffeegewürz, gleitet zurück und setzt sich an den Tisch, just auf den Platz gegenüber meinem Stammplatz. Er scheint sich auszukennen.
Was tue ich nur? Bin ich überrumpelt? Paralysiert? Ganz von Sinnen? Ich schenke ihm Kaffee ein, dann mir, setze mich auf meinen Stuhl. Er lächelt mir unbeirrt weiter zu.
Er scheint nicht mehr so jung wie gerade eben. Ich entdecke graue Strähnchen in seinem zuvor noch makellos lockig blonden Haar.
«Ich bin Hermes», ergreift er das Wort, «und hole dich ab.»
Ich starre ihn an. Mittlerweile ist sein Haar grau und feine Fältchen haben sich um seine himmelblauen Augen gebildet und rings um den immerzu lächelnden Mund eingegraben.
Mir stockt das Herz. Das muss der Tod sein, der mich nun holt, durchfährt es mich. Ich habe es geahnt. Es ging mir nicht so rosig in letzter Zeit. Ich hatte ein Stechen in der Brust, Schmerzen beim Atmen, nachts war mir oft übel...
Das muss der Tod sein.
Hermes lächelt und lächelt. Lacht er mich aus? Er scheint nun wieder jünger, holder.
Ja, das muss der Tod sein. Aber jetzt schon? Ich hatte doch Pläne! Ich wollte doch…! Ich wollte… Mir stockt der Atem.
«Nur keine Angst», beschwichtigt mich Hermes, «Trink den Kaffee aus, dann gehen wir. Oder warte einen Moment!»
Er steht auf, geht zum Regal, wo wir Gin, Pastis, Grappa, den diabolisch süffigen Clément und weiss der Teufel noch alles aufbewahren, ergreift zielsicher eine Flasche mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, entnimmt dem Schrank ein kleines konisches Glas und schenkt mir ein.
Der Armagnac rinnt meine Kehle hinunter und wärmt mir die kribbeligen Eingeweide.
Ach Kathrin! Mir ist so weh! Ich wollte doch noch eine Geschichte schreiben! Mindestens! Mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen, auch mit dir! Wohin geht es bloss?
«Zieh dir warme Kleidung an», unterbricht Hermes meine düsteren Gedanken, «Wobei – ich habe da schon einiges für dich bereit.»
Und unvermittelt holt er eine flauschige Felljacke hervor, lederne Schuhe, die mit flauschigem Fell ausgekleidet sind, eine ebenso gefütterte Mütze. Er trinkt den Kaffee mit einem Zug leer und heisst mich mitzukommen.
Ich schaue durch die Fenster und erschaudere. War da nicht eben noch ein zarter Herbstnebel, mehr ein sanfter Dunst, welcher die Bäume und Sträucher weichzeichnete? War da nicht eben noch eine milchig fahle Sonne, die eine sanfte Wärme versprach? Jetzt schneit und hudelt und stürmt es. Ich ergreife die warmen Kleider und streife sie folgsam über. Hermes schlüpft in seine silbernen Schuhe. Erst jetzt gewahre ich, dass oberhalb seiner Knöchel goldene Flügelchen sitzen.
Draussen wartet eine Kutsche und ungeduldige Pferde. Mir stockt der Atem: Vier schwarze Pferde.
Im Hui geht es los.
Habe ich die Haustüre abgeschlossen?
Benjamin, du Guter. Es könnte so schön sein hier! Eine milde Herbstsonne taucht die hügelige Landschaft vor mir in ein warmes Licht.
Ich sitze mit meinem Nähkörbchen an meinem gewohnten Platz in der jetzt kurz geschnittenen Wiese vor dem Schloss. Hinter mir die rosenumrankte Mauer, welche den Palastgarten einfriedet. Habe ich dir je erzählt, dass hier siebenundzwanzig verschiedene wilde Rosenarten die alten Mauern bedecken? Ich muss immerzu an jenes Märchen denken, wo eine Jungfrau einhundert Jahre lang in einem verwunschenen, von Dornengestrüpp umrankten Schloss geschlafen hat. Bis der Prinz kam und sie küsste. Wenn doch...! Ach, wenn es doch so einfach wäre!
Die Rosen sind der ganze Stolz des alten Mannes, der sie hegt und pflegt, sich täglich um sie kümmert. Hatten wir auch einen Gärtner, der sich so viel Mühe gab?
Der alte Mann hat für mich zwei Sorten weiss blühende Sternenblumen gepflanzt, damit ich nicht in den Wald muss, um die weissen Blüten mühselig zu suchen. Beide, die Sternmiere und der Stern von Bethlehem blühen wider Erwarten noch immer. Magdalena, eine der Küchenmägde, pflückt mir die Blüten. Auch Samuel, der Stallknecht. Es ist ein unausgesprochenes Geheimnis zwischen uns, ein geheimes Abkommen.
Ob unser Gärtner ebenfalls all die vielen Stauden mit Namen kannte? Ich kann mich kaum noch erinnern. Kaum an unsere Mutter, die schon lange von uns gegangen ist, kaum an das Schloss, in welchem wir zuletzt weilten, am ehesten an unseren Vater. Der Vater, den ich täglich ungeduldig erwartete, hoch oben, in dem kleinen Zimmerchen, am offenen Fenster der Dachgaube, von wo ich beinahe den ganzen Wald überschauen konnte. Das glaubte ich damals zumindest.
Ob da auch ein Gärtner waltete?
Der alte Mann hier macht sich einen Spass daraus, Beete mit Stauden einer einzigen Blütenfarbe anzupflanzen. Solche die früh im Jahr blühen, andere deren Blütezeit im Sommer liegt, und solche, die erst im Herbst ihre Blütenpracht entfalten.
Hier, an diesem sonnigen Platz vor den Rosen blühen derzeit rosarote Malven und Esparsetten, kriechender Hauhechel und wilder Thymian. Früher im Jahr haben mich die rosa Blüten der Heidenelken erfreut, danach diejenigen der satt purpurroten Jupiternelken. Dies sind nur jene Blütenstauden, deren Namen ich mir merken konnte.
Weiter gegen Osten schliesst ein Beet mit blauen Glockenblumen an, auch Teufelsabbisse gedeihen dort, die ich kaum von den Witwenblumen unterscheiden kann, hohe, sparrige Wegwarten und zuvorderst im Beet, beinahe unscheinbar, bedecken Kugelblumen mit ihren löffelförmigen Blättchen die Erde.
Ein gelb blühendes Beet gibt es nicht. Gelb, sagt der alte Mann, gelb gehört überall hin.
Einmal habe ich ihn schimpfen hören. «Jetzt ist sie schon wieder ausgerissen, diese Freche!», dann hat er mich bemerkt und herzlich gelacht. «Nehmt es mir alten Mann nicht übel. Manchmal spreche ich mit mir selbst. Die Färberkamille ist ausgerissen. Nicht wirklich. Ich habe einige die gelb blühenden Färberkamillen letztes Jahr in dieses Beet hier gesetzt, doch schaut nur: Der Standort hat ihnen offensichtlich nicht behagt. Hier blühen nur Mutterkräuter, Graslilien und die geduldigen Gänseblümchen. Doch dort», er hat auf einen der Wege gezeigt, welche kreuz und quer durch den riesigen Park des Palastes führen, «dort, zwischen den Schieferplatten wächst eine Färberkamille! Eine einzige! Jetzt müsste ich sie entfernen, damit die Wege gepflegt aussehen, so des Königs Anweisung», und nachdenklich, «Ich kann unmöglich die einzige Färberkamille weit und breit weg jäten.» Da hat er mich ein wenig verschmitzt angeschaut: «Ich sehe es dir an, ich soll sie retten!», und mit einem gespielten Seufzer, «Ihr habt ja recht. Ich entferne sie sorgfältig und setze sie in einen Topf. Den stelle ich vor Euer Fenster, damit Ihr Euch jeden Tag daran erfreuen könnt.» Das hat er dann getan.
Der alte Mann spricht mit mir, als würde ich ihm antworten können und nicht unentwegt schweigen. Er spricht mit mir, als kenne er meine Antworten. Das tut auch Berta, die freundliche Köchin, Magdalena, die Küchenmagd und Samuel, der Stallknecht. Sie erzählen mir oft Geschichten über das Schloss und den Hofstaat. Andere aber schauen mich scheel an oder ignorieren mich. Manche funkeln boshaft oder spucken sogar in meine Richtung. «Macht Euch nichts draus!», tröstet mich dann der alte Mann. Sie können nicht anders. Erfreut Euch an den schönen Dingen.»
Schön ist es hier, fürwahr. Diese liebliche, hügelige Landschaft! Mit den Wäldchen und Gebüschen entlang der Bäche! Da und dort blitzt das Blau eines kleinen Sees oder Weihers auf. Zwischen den Hügeln liegt Weideland, wo sich Schafe, Ziegen oder Rinder tummeln, und Äcker, die jetzt, zu dieser Jahreszeit, grösstenteils abgeerntet sind. Die Weinlese hat begonnen. Ich höre die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Weinbergen singen.
Ich schreib dir jetzt nicht, wie bange mir ist. Das weisst du längst.
Ich sitze hier, umgeben von dieser Pracht und werde nächstens Stift und Papier auf die Seite legen und weitersticheln. Noch etwa zweihundert Blütenblättchen, und das fünfte Hemdchen ist bereit. Fünf von Sechsen! Ich werde mich an mein Versprechen halten, werde weiterhin unentwegt nähen. Nähen und schweigen. Und mich keinesfalls entmutigen lassen.
Ja, eines noch: Heute soll eine Märchenerzählerin eintreffen. Hermes hole sie ab, wurde mir gesagt. Alle scheinen aufgeregt und voller Vorfreude. Berta und die Mägde werkeln eifrig in der Küche, die Bediensteten schleppen Stühle und Tische in den Park. Der alte Mann wischt die Wege und bindet da und dort einen Trieb der Rosen zurück.
Magdalena hat mir viel von der Märchenerzählerin erzählt. Diese würde nicht einfach ein Märchen erzählen, nein, sie, die Bediensteten, die Königin, der König, die Prinzessinnen und Prinzen, sie alle würde eine Rolle darin spielen. Manchmal nähme das Märchen einen völlig anderen Verlauf als geplant. Es sei schade, dass ich stumm sei und nicht mitspielen können. Aber allein das Zuhören würde mich aufmuntern, es würde eine anregende Abwechslung von meiner Näharbeit sein.
Nie lasse ich mir einen Hauch meiner Gefühle anmerken. Ich lächle nicht, ich weine nicht. Magdalena scheint mitunter direkt in mich hineinzuschauen. Nein, sie sieht nicht alles. Das wäre schlimm. Doch bisweilen überrascht sie mich mit ihren Feststellungen über meine Empfindsamkeit.
Höre ich etwa das Gebimmel von Glöckchen, das Wiehern von Pferden? Ich sehe – nein vielmehr ich ahne – oder wünsche ich es mir? – Wie dem auch sei: Ich sehe in der Ferne eine Kutsche entlang der Felder und Äcker fahren. Könnte es sein, dass die Märchenerzählerin und Hermes angereist kommen? Hermes, welcher meinen Brief an dich mitnehmen wird?
Mir ist bange. Ich bebe, zittere. Doch, Brüderchen, diesmal weiss ich nicht, weshalb.
«Freust du dich?» Ich schaue Hermes verwirrt an, der es sich sichtlich vergnügt mir gegenüber auf dem braun glänzenden, ledernen Sitz der Kutsche bequem gemacht hat.
«Weshalb sollte ich mich freuen? Es ist doch viel zu früh?», wage ich zu erwidern.
«Zu früh?», er wirkt ein wenig konfus, «Wir kommen zum genau richtigen Zeitpunkt an. Es wird alles vorbereitet sein!»
«Ich hatte doch noch Pläne!», rufe ich leicht verzweifelt aus, «zumindest hätte ich das Kaffeegeschirr abräumen müssen.»
Hermes lächelt schalkhaft: «Sie macht sich Sorgen um das Kaffeegeschirr! Das Kaffeegeschirr! Haha! Der Kaffee in deiner Tasse wird noch warm sein, wenn wir zurückkehren!»
«Dann habe ich nur so eine Art Nah-Tod-Erlebnis», meine Stimme zittert.
Hermes lacht schallend auf. «Ja, ahnst du denn nicht, wohin wir fahren?»
«In den Hades? Die Zwischenwelt?»
«Um Himmels Willen, nein!»
«Wohin denn?»
Hermes schaut mich nachdenklich an. «So unrecht hast du nicht. Manchmal begleitete ich tatsächlich die eine oder andere Person zum Hades oder in eine der Zwischenwelten. Aber das ist schon lange her. Heutzutage bin ich mehr ein Bote oder Kurier. Jetzt gerade begleite ich dich.»
«Wohin denn?»
«Ja, wurdest du denn noch nie abgeholt?»
«Abgeholt?»
«Letztes Jahr, oder vorletztes, dein Spaziergang im Nebel, der Mann, der plötzlich auftauchte?», hilft er mir auf die Sprünge.
«Du bringst mich in die Märchenwelt? Zum Schloss? Wo blühende Rosen die Schlossmauer umranken und auch die Mauern des Palastes? Wo im Park ein wunderschöner, ein prächtiger Apfelbaum blüht und im Herbst unter der Last goldroter Äpfel beinahe ächzt? Wo der alte Mann die Wege wischt, oder die Rosen schneidet? Wo ich auf der hölzernen Bank unter dem Apfelbaum sitzend direkt durchs Schlosstor weit ins liebliche Land schauen werde? Das liebliche Land mit den sanften Hügeln und kleinen Wäldchen, Wiesen, Weiden und Äckern, wo dazwischen da und dort kleine Weiler liegen? Wo ich die Pferde in den Ställen ungeduldig scharren und schnauben höre oder auf der Weide wiehern? Wo Schwalben herumschwirren und hoch in den Lüften Milane kreisen. Wo Kinder im Schlosshof fangen oder verstecken spielen? Wo Berta und Magdalena die Küche befehligen und köstliche Speisen zubereiten?» Atemlos halte ich inne.
«Ich sehe, Ihr kennt die Gegend», lächelt Hermes verschmitzt und wechselt unvermittelt vom Du zu Ihr, wie es im Märchenland üblich ist.
«Ihr irrt Euch! Das Wetter stimmt nicht!», rufe ich erschrocken aus.
«Was soll nicht stimmen?»
«Im lieblichen Land, dort wo der Palast inmitten des wunderschönen Parkes gleich einer unbezwingbaren Burg steht, da ist es nie Winter. Es ist Frühling, Sommer oder Herbst. Ich halte mich unentwegt draussen auf, selten einmal in der Küche bei Berta. Ich sitze im Freien unter dem Apfelbaum oder mache einen Spaziergang um die Schlossmauern herum, wandle durch den ausgedehnten Park mit seinen lieblichen Wäldchen und dem verwunschen Seerosenteich. Mache Ausritte hoch zu Ross oder Ausfahrten mit der Kutsche. Doch nie, nie, nie hat es je im lieblichen Land geschneit.»
«Ihr vergesst, meine Liebe», und Hermes deutet tatsächlich eine Verbeugung an, «wir befinden uns auf dem Weg ins Märchenland. Noch sind wir nicht dort», er schaut durch die Fenster der Kutsche ins dichte Schneegestöber hinaus, «oder vielmehr: beinahe noch nicht.»
Kaum sind seine Worte verklungen, da klart es mit einem Mal auf. Die Sonne bricht durch, sodass die Schneekristalle aufleuchten und blitzen, dass ich einen kurzen Moment wie geblendet wegblicke. Wir fahren oder fuhren durch einen dichten, tief verschneiten Wald, die Äste der Bäume müssen beinahe die Kutsche berührt haben.
Jetzt aber breitet sich vor uns ein wunderschönes Land aus, es ist ein Déjà-vu. Mir stockt der Atem ob der Schönheit und Friedlichkeit dieser Landschaft, die da vor mir liegt. Schon meine ich in der Ferne die goldene Spitze des Schlossturm zu erblicken. Ich schliesse die Augen. Ich höre das Geläut einer Kirchenglocke in der Ferne. Das Gezwitscher von Schwalben und die schrillen Rufe der Mauersegler, die durch die Lüfte gleiten. Das Meckern von Schafen und Ziegen, das Gegacker von Hühnern und Gänsen.
Ich bin angekommen.
«Ich bringe Euch zum Schloss», unterbricht Hermes meine Gedanken, «Ihr könnt Euch übrigens der warmen Kleidung entledigen. Es ist jetzt angenehm mild draussen.»
«Ihr begleitet mich zum Schloss? Doch sagt, bleibt ihr auch dort?», frage ich ihn neugierig
Er blickt mich geradewegs an. «Ob ich bleibe?» Er scheint nachzudenken. «Vielleicht, vielleicht nicht.»
«Wart Ihr denn einmal dort?»
«Ihr meint im Schloss oder während eines Märchens?»
«Während eines Märchens. Also wart Ihr schon einmal dort...», ich zögere, «oder gar dabei?»
«Mag sein», weicht Hermes aus.
«Jetzt macht Ihr mich neugierig!»
«Ich war mal ein Stallknecht», lächelt Hermes schalkhaft, «einmal ein Prinz und ...»
«Und?»
«Einmal der König!»
«Und diesmal?»
«Ihr wisst bereits, welches Märchen Ihr erzählen werdet?»
Da überläuft es mich heiss und kalt.
«Nein, ich habe keine Ahnung. Ich bin noch nicht bereit», gebe ich kleinlaut und ein wenig verzweifelt zu.
«Beruhigt Euch!», mit diesen Worten zieht er aus einem Seitenfach der Kutsche ein Märchenbuch hervor, «Hier. Wir haben noch knapp eine Stunde Fahrt vor uns. Ihr habt folglich genügend Zeit, eines der Märchen auszuwählen» und drückt mir das Buch in die Hand.
«Seht nur, wir werden das Schloss bald erreichen! Ich erblicke bereits die blaue Fahne, die auf der goldenen Zinne flattert!», unterbricht mich Hermes bei meinem Lesen, Nachdenken, Abwägen, Grübeln.
Ich habe zwar einige der Märchen gelesen, doch kann ich mich partout nicht entscheiden, welches ich wählen soll. Das fällt mir jedes Jahr ungemein schwer. Zwei habe ich ins Auge gefasst. Gedankenverloren lege ich das Buch in den Schoss.
Mein Schoss! Mein Schoss ist von einer viel benutzten, weinroten, leicht fleckigen Schürze bedeckt. Es überläuft mich heiss und kalt vor Entsetzen.
«Seht doch. Ich trage keine angemessene Kleidung!», rufe ich Hermes verzweifelt zu, «Ich war doch daran, die Küche zu putzen und das Abendessen vorzubereiten. Seht doch meine abgewetzten Hosen, mein löchriges T-Shirt. Das ist meine Arbeitskleidung. So kann ich unmöglich ins Schloss, so kann ich unmöglich als Märchenerzählerin auftreten. Wir müssen sofort umkehren!»
Hermes lächelt mir schelmisch zu. «Ach, habt Ihre es also bemerkt! Schade, ich hätte gerne die entsetzten Gesichter gesehen!», und nachdenklich, den Kopf leicht schräg, mich gründlich musternd: «Nun, Ihr könntet ja als armes Weiblein um eine Anstellung am Hofe bitten. Oder gleich als Bettelweib um Almosen oder eine heisse Suppe bitten!»
«Ihr! Ihr!», mir fehlen die Worte.
«Euch fehlen die Worte», freut sich Hermes, «Nun denn, es war mir bereits in die Wiege gelegt, wie Ihr vielleicht wisst – oder eher nicht, ich sehe es Euch an – nun denn, ich liebe Schabernack. Ich soll sogar bereits als Neugeborener eine Herde Rinder... Doch das tut hier nichts zur Sache. Tröstet Euch!», mit einer angedeuteten Verbeugung, «Ich, in meiner erhabenen Weisheit, habe an Eure Kleidung gedacht! Selbstverständlich!» Mit diesen Worten zieht er aus einem der Seitenfächer der Kutsche ein Päckchen hervor und mit einem verschmitzten Lächeln sagt er: «Ich bitte Euch, öffnet es! Und erfreut euch ob meiner Grosszügigkeit!»
Ich schlage das Papier auf und – entfalte ein nachtblaues, seidenes Kleid, eine dazu passende dunkelrosa Schärpe und ebenso dunkelrosa Schuhe. Flache Ballerinas, wie ich sie stets trage.
«Nun zieht Euch schon um. Ich schaue auch brav weg! Und sagt mir inzwischen, welches Märchen Ihr gewählt habt.»
«Mm, keines», stottere ich.
«Keines?»
«Keines!»
«Ha! Da werdet Ihr recht in die Bredouille kommen! Doch schaut nur, das Schloss ist schon ganz nahe, ich erblicke bereits das Tor, dahinter die alten Palastmauern! Beeilt Euch! Legt auch dies hier um!» Hermes lässt eine goldene Kette in meine Hände gleiten. Ich schaue verdutzt zu ihm auf.
«Wartet, ich helfe Euch beim Verschluss. Ich sehe es Euch an. Eure Hände zittern. Ihr seid viel zu aufgeregt!»
Da hält die Kutsche bereits an. Nicht im Schlosshof, wie ich erwartet habe, sondern draussen vor dem Tor. Hermes öffnet die Türe, steigt aus und reicht mir galant die Hand.
«Gnädigste, darf ich Euch zu Eurem angestammten Platz unter dem Apfelbaum führen?»
Doch so weit kommen wir nicht. Kinder rennen herbei und rufen schon von Weitem: «Die Märchenerzählerin ist da!» Ich tätschle Köpfe, reiche Hände, küsse Wangen, verbeuge mich. Denn jetzt treffen sie alle ein und wollen mich begrüssen. Die Königin und der König, die Prinzessinnen und Prinzen, Berta, die gute Seele des Schlosses, Magdalena, ihre getreue Gehilfin, Stallknechte, Mägde, Diener. Der ganze Hofstaat eben.
«So lasst sie doch erst einmal in Ruhe ankommen!», greift Berta ein und zu mir gewandt: «Ihr müsst hungrig und durstig sein von der langen Reise! Wollt Ihr nicht in den Schlosshof kommen und Euch hinsetzen?»
«Nein, nein, ich bin jetzt lange gesessen!», wehre ich ihr Angebot freundlich ab.
Ein Knabe, der wie angewurzelt neben Berta steht, reicht mir ein Glas mit frischem Quellwasser und ein Küchlein. Dankbar nehme ich ihm beides ab, trinke das Glas in einem Zug aus und nehme einen Bissen des Gebäcks. Köstlich!
«Ihr habt recht, ich war durstig und hungrig bin ich auch!» erwidere ich mit einem Seufzer, «Wie habe ich nur vergessen können, wie angenehm hier die kleinsten Dinge sind! Ein kleiner Spaziergang würde mir jetzt bestimmt guttun! Nach der langen Reise möchte ich mich ein wenig bewegen.»
«Darf ich mit?», fragt da der Knabe.
«Lass die Märchenerzählerin zur Ruhe kommen», schilt Berta.
«Nein, nein. Das ist in Ordnung. Komm mein Junge, machen wir ein paar Schritte. Sag, wie heisst du?»
«Ich heisse Lio. Ich bin Tante Bertas Grossneffe», erklärt der Junge ernsthaft, «und morgen werde ich zwölf Jahre alt!»
«Sag, bist du hier zu Besuch?»
«Nein, ich studiere hier!» Lio streckt den Kopf stolz in die Höhe. Ich muss beinahe lachen.
«Du studierst?»
«Du musst wissen, mein Vater besitzt einen Gasthof. Diesen werde ich übernehmen, wenn ich erwachsen bin. Deshalb bin ich hier. Um zu lernen. Das Küchlein, welches du gegessen hast, habe ich ganz ohne Hilfe gebacken. Natürlich nicht nur eines. Sondern so fünfzig Stück. Zwei Bleche voll.»
«Das Gebäck ist tatsächlich sehr köstlich!»
«Ja, das weiss ich. Ich helfe auch im Küchengarten. Jetzt lerne ich alle Gewürze benennen, die wir in der Küche brauchen, auch wie sie schmecken und zu welchen Gerichten sie passen. Es sind alles auch Heilkräuter, hast du das gewusst?»
Plötzlich schlägt sich Lio erschrocken auf den Mund. «Ich habe dich geduzt!»
«Du darfst mich duzen! Ich bestehe sogar darauf. Es macht mich stolz, mit einem so grossartigen Bäcker per Du zu sein!»
«Das meinst du nicht im Ernst?», Lio beäugt mich kritisch.
«Ich meine es sehr, sehr ernst!»
«Wir auf dem Land, ich meine dort, wo ich aufgewachsen bin, sagen eben zu allen du. Nur wenn der König und sein Hofstaat bei uns vorbeischauen sollte – aber das geschieht eh nie – dann sollen wir ihn als «Eure Durchlaucht» begrüssen und einen höflichen Knicks machen.»
«Wenn du schon so viel weisst, sag mir, kennst du Hermes?»
«Hermes?», Lio lacht laut auf, «Hermes – den kennt doch jeder hier!», Lio schaut mich skeptisch an, «Bist du sicher, dass du eine allwissende Märchenerzählerin bist? Hermes geht hier nämlich ein uns aus!»
«Und weisst du, was er mir der Rinderherde angestellt hat, als er noch ganz klein war?»
««Ha! Das ist doch nur so eine Flunkerei, eine prahlerische Geschichte! Ein neugeborenes Kind kann doch nicht zu Fuss drauf los spazieren, dazu eine Rinderherde vor sich hertreiben und die Herde erst noch vor Apollon verstecken! Als mein kleines Schwesterchen auf die Welt kam, hat es ununterbrochen im Bettchen liegend geschlafen, ausser wenn meine Mutter es gestillt oder gewickelt hat. Eigentlich müsstest du doch diese Geschichte kennen. Du bist doch die Märchenerzählerin!» Ja, das fragt er nun schon zum zweiten Mal.
Wie ich dem Jungen so lauschend folge, sehe ich weiter vorne eine junge Frau im Gras sitzen. Sie hat die Augen geschlossen, hält ihr Gesicht zur Sonne hin.
«Wer ist diese Frau dort?», frage ich Lio.
«Anette. Aber das ist nicht ihr richtiger Name. Den kennt niemand. Sie ist stumm, weisst du. Irgendjemand hat ihr den Namen Anette gegeben. Sie ist wunderschön und hat den Prinzen verzaubert. Auf jeden Fall ist der Prinz jetzt weg und niemand weiss wohin.»
Anette, Anette, wer bist du nur, muss ich denken, während wir plaudernd zurückschlendern. Irgendetwas hat mich an der Geschichte, die mir Lio über diese stumme Frau erzählt hat, betroffen und gleichzeitig neugierig gemacht.
Es gäbe ein Bankett, ein grossartiges Abendessen, verrät mir Lio, wir müssten nun dringend zurückkehren. Die Tische seien bestimmt bereits alle gedeckt.
«Und Anette? Sollten wir sie nicht ebenfalls herbeirufen?»
«Die isst nie mit uns!»
«Ach, Unsinn! Heute Abend wird sie neben mir sitzen. Sie auf der einen und du auf der anderen Seite.»
Da guckt mich Lio entgeistert an.
«Nein, ich spasse nicht. Es ist mein voller Ernst», und mit einem Augenzwinkern, «Oder hast du vergessen, dass Märchenerzählerinnen zaubern können?»
Benjamin, mein Liebster Bruder. Heute Abend scheinen sich die Ereignisse zu überstürzen. Meine Hände zittern. Ich hoffe, dass ich dir trotzdem alles aufschreiben und schildern kann.
Berta holte mich am späten Nachmittag aus der Küche, wo ich mich bereits bequem auf der Bank niedergelassen hatte und nähte, und führte mich in den Park beim grossen Apfelbaum, wo Tische für ein umfangreiches Nachtmahl gedeckt waren, und hat mich neben die Märchenerzählerin gesetzt. Mir war etwas mulmig zumute.
Nach und nach kamen sie alle zu Tisch und setzten sich zu uns. Der König und die Königin, die Prinzessinnen und die Prinzen, Freunde und Verwandte, selbst einige Bedienstete, so auch der alte Mann, von dem ich dir bereits erzählt habe. Ich entdeckte Hermes und Lio, den wackeren Küchenjungen, der gleich mir neben der Märchenerzählerin sass. Die Küchenmägde und Knechte eilten hin und her und tischten Leckerbissen auf, wie ich sie wohl noch nie gekostet hatte. Zuerst gab es Häppchen und pikante Küchlein, dazu einen leichten Weisswein. Ich kostete das Gebäck, nippte am Wein und hörte den Gesprächen zu.
Ich bin es nicht mehr gewohnt inmitten so vieler Leute zu weilen und gar zu speisen. Ich nehme meine Mahlzeiten ja meist in der Küche zu mir, in Anwesenheit von Berta, Magdalena und den wenigen Küchenmägden. Und Lio natürlich, wenn er denn nicht mit den anderen Jungen herumstrolcht. Ich sass also am Tisch und es war mir unwohl. Ich fühlte mich von allen Seiten beobachtet, begutachtet, als würde ich vor einem Gericht stehen, wo ein Urteil über mich gefällt würde.
Doch die Märchenerzählerin nickte mir freundlich zu und schaute mich einen kurzen Augenblick an. Es war, als ob sie tief in meine Seele sehen, und alles von mir wissen würde. Ich erschrak. Da gewahrte ich, dass auch sie erschauderte. Sie fasste sich schnell und flüsterte mir zu: «Ich werde mir etwas einfallen lassen!» Das geschah so geschwind, dass ich mir jetzt, da ich dir alles niederschreibe, unsicher bin, ob es so geschehen ist oder ich es mir allenfalls nur einbilde.
Die Prinzen und Prinzessinnen neckten sich unentwegt. Offenbar wollten sie alle eine spezielle Rolle im Märchen ergattern.
«Ich will ein richtiges Abenteuer erleben und ein Held sein. Auf einen hohen Berg steigen, einen Glasberg, wo eine verzauberte Prinzessin hoch oben in einem verzauberten Schloss weilt, auf mich wartet und ich sie erlöse», so Nahuel, der älteste der Prinzen. Der älteste ist er nicht, du weisst es.
«Ich möchte einen verborgenen Schatz heben und unglaublich reich und berühmt werden, so dass alle Prinzessinnen in allen Ländern mich heiraten wollen», so Miro, der Zweitälteste, «Und du?», er beäugte Atari, seinen jüngeren Bruder, «Hast du dir etwas ausgedacht?» Doch er wartete dessen Antwort nicht ab, und eiferte stattdessen mit seinem älteren Bruder weiter, was sie alles erleben würden. Prinzessinnen aus dem Rachen eines Meeresungeheuers oder eines feuerspeienden Drachens retten, beispielsweise.
«Bäh! Solche Geschichten gibt es gar nicht, ihr Aufschneider!», neckte sie Dana, eine der Prinzessinnen.
«Und Ihr, meine lieber Gatte», fragte da die Königin den König, «habt ihr Pläne, welche Rolle Ihr dieses Jahr im Märchen gerne innehaben würdet?»
Es war still geworden. Alle horchten auf, wollten keinesfalls die Antwort des Königs verpassen. Dieser erhob sich, nahm sein Glas, so als wollte er etwas gebieten oder mitteilen.
Just in diesem Moment rief ein kleines Kind: «Die Weisen Frauen!»
Es wurde augenblicklich mucksmäuschenstill. Als ich aufschaute, trippelten drei hutzelige, alte Weibchen durchs Schlosstor zu uns hin. Die Weiblein hatten merkwürdige Gebrechen. Die eine hatte eine unförmig grosse Unterlippe, die andere einen überbreiten Daumen und die dritte einen merkwürdig verunstalteten rechten Fuss.
Sie wurden ehrerbietig empfangen. Sogar der König stand auf, ging auf die Weiblein zu, verneigte sich vor den dreien und hiess sie willkommen. Geschwind wurden drei Stühle gebracht und drei Kissen, damit sie bequem sitzen konnten. Geschwind wurde ihnen das Hauptgericht geschöpft, Wein eingegossen. Ich wunderte mich, dass die drei keinen Ton sagten. Weder guten Abend noch Danke noch irgendetwas. Sie nickten dem König und den Bediensteten lediglich höflich zu und schwiegen. Sie schwiegen wie ich. Aber niemand schaute sie scheel an. Im Gegenteil. Offensichtlich wurden die Weiblein trotz ihrer Hässlichkeit und ihres ungewohnten Benehmens hochgeachtet und verehrt.
«Das sind die drei Weisen Frauen. Sie erscheinen immer, wenn es brenzlig wird», erklärte mir die Märchenerzählerin leise.
Man hat mich ja gewarnt. Wirklichkeit und Märchen würden sich oft vermischen, ununterscheidbar sein. Es sei verwirrlich. Manchmal wüsste selbst die Märchenerzählerin nicht, in welcher der Welten sie sich bewege. Ich habe solche Schilderungen mit einem inneren Schmunzeln abgetan. Doch nun wusste ich tatsächlich nicht, ob ich jetzt einem Schauspiel beiwohnte oder nicht.
Da wandte sich die Königin erneut an ihren Gemahl und sprach: «Wolltet Ihr uns nicht eben etwas Wichtiges verkünden?»
Der König räusperte sich, ich merkte, wie er innerlich mit sich rang. Weshalb nur? War es die Anwesenheit der drei Weisen Frauen? Dann gab er sich einen Ruck. Er erhob erneut sein Glas, als wollte er einen Trinkspruch anbringen, zögerte einen kurzen Moment und sprach dann gebieterisch: « Wie Ihr hier alle wisst, habe ich drei Söhne.» Ein Hüsteln da und dort. «Ich weiss jedoch nicht, welcher von meinen Söhnen der geeignetste ist, mein Königreich dereinst zu erben.»
Betroffenes Schweigen allenthalben.
«Nun denn. Derjenige soll mein Reich erhalten, der mir den schönsten Teppich bringt!»
Totenstille.
Und mit einem Mal begannen alle Anwesenden gleichzeitig zu sprechen. Zuerst leise, ich hörte ein Flüstern, Raunen, Gemurmel, dazwischen verhaltenes Gelächter, dann wurde das Gerede lauter und heftiger. Ich vernahm Sätze wie: «Ist der König denn von Sinnen!», «Ein Teppich? Das kann nicht sein Ernst sein!», «Sein Ältester ist verschollen, hat er das denn ganz vergessen?»
Zuletzt hörte ich die Stimme der empörten Königin: «Alle meine Söhne sollen das Reich erben und gemeinsam regieren!»
Mir ward himmelangst.
Da erhob sich die eine der drei alten Weiblein. Augenblicklich wurde es still.
«Der König hat weise gesprochen. Es soll so geschehen: Ich werde drei Federn auf der Wiese vor den Schlossmauern in die Lüfte blasen, diese sollen die Richtung zeigen, welche die Prinzen auf ihrer Suche zu gehen haben. Eine Feder für den Ältesten hier», sie nickte Nahuel zu, «die zweite für den Zweitältesten», sie blickte zu Miro, «und die dritte Feder für den Jüngsten», sie musterte dabei Atari. «Jeder von Euch wird sich in jener Richtung auf den Weg machen, in welcher seine Feder fliegt. So wird es geschehen und Klarheit bringen.» Mit diesen Worten setzte sie sich, trank einen Schluck des tiefroten Weins, zog drei Federn aus einer der Taschen ihres Gewandes, stand auf und sprach: «So lasst uns nun hinaus gehen.»
Ich sah es den Gesichtern an, lieber Bruder. Alle waren erstaunt und fassungslos.
Nur Hermes, der uns gegenübersass, zwinkerte der Märchenerzählerin schelmisch zu, was ich nicht verstand.
Mein lieber Bruder. Glaube mir: wenn ich hätte reden dürfen, wäre ich jetzt sprachlos geworden.
Aber das, was danach geschah, war um einiges unglaublicher.
Liebe Kathrin. Kaum hat jenes alte, weise Weiblein mit der dicken Lippe ihre Anweisung beendet, sich erhoben, und ist, gefolgt von ihren beiden Begleiterinnen, geradewegs zum Tor hin geschritten, da bricht ein Tumult sondergleichen aus. Alle erheben sich, um der Weisen zu folgen, um das bizarre Geschehen, das gleich da draussen vor den Schlossmauern stattfinden wird, ja nicht zu verpassen.
Ich aber sitze wie erschlagen am Tisch. Mir fehlen die Worte. Was soeben geschehen ist, dass der König sein Reich vererben möchte, dazu seine Söhne mit Hilfe von Federn in verschiedene Richtungen schickt, um demjenigen, welcher ihm den schönsten Teppich nach Hause bringt, das Reich zu vererben, ja das hätte mein Märchen sein sollen. Ich betone meines. Eines jener beiden, die ich in der Kutsche von Hermes ausgewählt hatte, jedoch noch nicht fix wusste, welches ich dann erzählen würde.
Hermes, der mir gegenübersitzt, muss mir meine Verblüffung angemerkt haben. Jedenfalls zwinkert er mir vergnügt zu: «Gut gewählt! Lasst uns ebenfalls aufbrechen und dem Spektakel beiwohnen.»
Da unterbricht ihn der alte Mann: «Nur langsam. Wir müssen nirgendwo hin. Wisst Ihr denn nicht, dass die Märchenerzählerin uns hier und jetzt berichten kann, was sich dort draussen vor den Toren des Schlosses abspielt? Ich jedenfalls möchte ihr lauschen und derweil noch ein Stück dieser vorzüglichen Pavlova geniessen und schwärmerisch: «Dieser erlesene Portwein muss hervorragend dazu passen».
Mit diesen Worten schneidet er fünf Stücke der überwältigend hohen Meringue-Torte ab, welche mit geschlagener Sahne und Waldbeeren gekrönt ist. Er hievt ein Stück auf einen der leeren Teller, die auf dem Tisch bereit liegen, und stellt ihn vor mich hin, danach bedient er Lio, die stumme Anette und zuletzt Hermes. Desgleichen schenkt er uns rubinroten Portwein ein. Ja, auch Lio. Es wäre wahrlich unhöflich gewesen, derart aufs vortrefflichste bewirtet, den Tisch zu verlassen.
Ich zögere, steche mit der Gabel in meine Pavlova und koste sie. Herrlich! Der Meringue ist aussen knackig und innen leicht feucht, dazu der erfrischend kühle Rahm und die Süsse der wilden Beeren. Ein Gedicht!
«So spannt uns nicht auf die Folter!», schilt mich der ungeduldige Hermes, «Was ereignet sich da draussen?»
«Nun denn», nehme ich den Faden erneut auf, «Es sind jetzt alle draussen vor dem Tor, auf dem Weg zwischen den Wiesen und auf den Wiesen selbst. Der ganze Hofstaat ist dort versammelt, will mir scheinen. Es herrscht ein gewaltiges Gedränge. Die drei Weisen Frauen sind darin völlig umzingelt. Zumindest kann ich sie nicht mehr sehen.
Da spricht der König ein Machtwort. “Zurück! Tretet alle zurück! Noch ein wenig. Ja, gut so. Noch einmal zehn Schritte. Jetzt genügt's.“
Die Weisen Frauen stehen jetzt zusammen mit den drei Prinzen inmitten der Menge. Die eine, Ihr wisst schon, diejenige mit der dicken Lippe, also diese nimmt die erste Feder, hebt sie vor ihr Gesicht auf Augenhöhe, murmelt etwas vor sich hin – es muss gewiss ein Zauberspruch sein – lässt die Feder los und bläst sie gleichzeitig kräftig an. Und schon saust sie leichthin aber schwungvoll davon, als würde ein unsichtbarer Wind sie tragen, nach Osten hin.
Ein leises Raunen und Wispern.
“Dahin musst du gehen, Nahuel’“, spricht die Weise.
Sie wiederholt die Prozedur. Die zweite Feder schwankt und flattert ein wenig, dann reisst ein Wind sie mit sich, nach Westen hin.
Erneut ein allgemeines Raunen und Wispern.
“Das ist deine Richtung, in welcher du suchen musst, Miro“, spricht die Weise.
Und zum dritten Mal bläst sie eine Feder an. Doch diesmal fliegt diese nirgendwo hin. Sie gaukelt hin und her und sinkt zuletzt zu Boden. Mitten in der Wiese vor dem Schloss.
“Hier musst du suchen, Atari, diesen Weg hat das Schicksal für dich bestimmt.“
Es wird geflüstert, gewispert, mit leiser Stimme gesprochen. Dann wird das Gerede lauter und forscher. Gelächter mischt sich ein.
“Na, dann gutes Gelingen, Kleiner!“, hänselt Nahuel und stiefelt davon.
“Und nimm dich in Acht vor den Fröschen und Kröten, die nächtens hier herumhopsen!“, witzelt Miro und marschiert von dannen.
Atari setzt sich zu Boden und seufzt.
Da erhebt der König erneut seine Stimme: “Wir wollen alle wieder in den Schlosshof gehen und die Nachspeise zu uns nehmen.“
Ihr seht: Jetzt trudeln sie alle herein. Und setzen sich.» Ich halte inne. Es gibt nun nichts mehr zu erzählen.
«Ihr müsst diese Torte hier versuchen. Diese habe ich selbst nach einem Rezept meiner Nonna zubereitet», unterbricht Lio meine Gedanken. Auf einer Keramikplatte liegt ein dunkler, flacher Kuchen, der angenehm duftet. Eifrig schneidet er mir ein Stück ab und lässt es auf meinen Teller gleiten.
Ich nehme eine Gabel voll. Welch ein Gegensatz zur Pavlova! Dieser Kuchen hier ist körnig, kernig und fruchtig zugleich und duftet verführerisch nach exotischen Gewürzen.
«Hm. Lass mich raten. Mandeln?» Lio nickt stolz.
«Datteln, Orangen, Zitronen?» Wiederum ein frohes Nicken.
«Muskatnuss, Zimt, Nelken, Pfeffer?»
«Beinahe erraten! Du hast die Haselnüsse, Pinienkerne, kandierte Kirschen und das Kardamom vergessen. Und der Kuchen ist nur mit Honig und süssem Wein gesüsst», schmunzelt Lio hochgemut.
«Hat die Torte einen Namen?»
«Wir nennen ihn Panforte. Eigentlich ist es ein Gebäck für den Winter.
«Ich bin beeindruckt, lieber Lio. Du wirst bestimmt ein ausgezeichneter Koch. Ein ausgezeichneter Konditor bist du bereits!»
«Könnt Ihr nun endlich weitererzählen? Dazu seid Ihr ja da, oder etwa nicht?», spottet Hermes, «Oder sollte ich euch vergebens hierher geleitet haben?»
Ich blicke auf, liebe Kathrin. Es ist wie in früheren Zeiten. Wie letztes Jahr, wie vorletztes Jahr. Es scheint mir, wie immer schon. Es sitzen alle um mich herum. Gespannt, wartend, dass ich eine Geschichte erzähle. Oder ist es vielleicht gar kein Märchen, dass da geschieht und ich erzähle? Hat der König seine Söhne tatsächlich auf die Suche nach einem Teppich geschickt?
«Au ja!», ruft da Lahja, die jüngste der Prinzessinnen, «Erzählt, wie es meinen Brüdern ergeht!»
Es war ein verrückter Abend, lieber Benjamin. Es dämmerte bereits, doch der Himmel war im Osten rotglühend, als würde er brennen. So blieb es taghell. Hermes beugte sich vor und erklärte mir mit gedämpfter Stimme, dass es bestimmte Winde gäbe, die direkt von der Sonne herbrausen und den Himmel rot färben würden. Dies geschehe selten. Alle elf Jahre etwa.
Dann lachte er laut auf: «Habt Ihr das etwa geglaubt? Ich hoffe nicht. Nein, Nein! Der rote Himmel – das war mein heimlicher Vater. Zeus. Er schleudert gerne Blitze zu der Erde Niederungen. Manchmal zum Spass und manchmal, wenn er zornig oder verärgert ist. Haha. Aber keine Angst. Seine Blitze erleuchten lediglich den Himmel. Er will Aufmerksamkeit erregen, weiter nichts.»
Hermes schaute mich neckisch an, ich war verwirrt und wusste nicht, welche seiner beiden Erklärungen nun die wahre sein könnte.
Also war es heller Abend mit einem leuchtenden Rot im Osten. Alle waren um die Märchenerzählerin herum versammelt. Der alte Mann schenkte ihr einen Armagnac ein und Berta stellte ihr ein Glas mit frischem Quellwasser hin.
«Nun denn», nahm die Märchenerzählerin den Faden wieder auf, «Nahuel und Miro sind sich sehr ähnlich. Sie gehen beide davon aus, dass ihr kleiner Bruder, dessen Feder ja auf der Wiese liegt, niemals einen Teppich finden wird. So nehmen sie die ganze Sache auf die leichte Schulter und strengen sich kein bisschen an, einen besonderen Teppich zu finden.
Nahuel klopft an die Türe eines in der Nähe gelegenen Bauernhauses. Eine Magd öffnet ihm. “Ich brauche einen Teppich“, sagt Nahuel zu ihr.
“Du brauchst was?“
“Einen Teppich. Ich zahle auch einen Golddukaten dafür“, sagt’s und zieht einen Golddukaten aus der Tasche.
Die Magd schaut ihn entgeistert an: “Teppiche haben nur reiche Leute. Meine Herrschaften haben in der guten Stube einen Teppich. Aber ich? Nein! Ich habe nur einen alten Bettvorleger. Aber der ist schäbig. Ihn Teppich zu nenne wäre zu viel des Guten.“
Doch Nahuel besteht darauf, ihr den Bettvorleger als Teppich abzukaufen und mitzunehmen und gibt der verdutzten Magd einen Golddukaten. Die freut sich riesig und plant in Gedanken bereits Hochzeitsvorbereitungen, denn nun hat sie genug Geld, den Stallknecht zu ehelichen.
Auch Miro gibt sich keine grosse Mühe. Er gelangt zu einem Pferdestall, sieht Pferdedecken an Haken hängen, nimmt die erste beste, legt sie sich über die Schulter, nimmt einen Golddukaten aus der Tasche und legt ihn auf das Regal mit den Bürsten und Striegeln und macht sich auf den Heimweg.
Atari sitzt derweilen im kurz geschnittenen Gras und grummelt vor sich hin. Was soll er denn tun? Seine Feder liegt vor ihm und tut keinen Wank. So wird er nie und nimmer einen Teppich finden. Höchstens Käfer und Würmer.
Wie er so vor sich hinbrütet, bemerkt er plötzlich, dass sich da vor ihm eine Falltür befindet. Neugierig öffnet er die Türe. Eine Stiege führt direkt tief in die Erde hinunter. Er betritt die Treppe und steigt hinunter. Unten angelangt steht er erneut vor einer Tür. Er klopft an diese und hört plötzlich Stimmen. Merkwürdige Stimmen. Wie ein Quäken oder Quaken. Er vermeint einen Spruch zu hören: “Jungfer grün und klein, Hutzelbein, Hutzelbeins Hündchen, Hutzel hin und her, lasst geschwind sehen, wer draussen wäre.“
Und schon öffnet sich die Tür. Eine dicke Kröte sitzt vor ihm, und hinter und neben ihr erblickt er bestimmt mehr als ein Dutzend kleinerer Kröten. Die dicke fragt den Prinzen höflich, was er denn hier wüsche.
“Ach“, antwortet Atari mutlos, “ich sollte einen schönen Teppich nach Hause bringen. Den schönsten, hat mein Vater, der König geheissen, aber da bin ich wohl falsch hier bei euch Kröten!“
“Kopf hoch, Atari! Hier bist du genau richtig. Und wir sind Itschen, keine Kröten“, sagt da die dicke Itsche und heisst ihre Töchter, ihr die grosse Schachtel zu bringen. Die dicke Itsche öffnet die Schachtel und zieht einen Teppich heraus, der ist so schön und fein, dass wohl oben auf der Erde wohl keiner so schön gewebt werden kann.
Atari, ganz überrascht, bedankt sich bei der dicken Kröte und steigt die Treppe hinauf und gelangt kurz darauf vors Tor zum Schloss.»
Die Märchenerzählerin verstummte und blickte zum Tor des Schlosses. Alle blickten zum Tor des Schlosses. Just in diesem Moment kamen alle drei Brüder zurück. Jeder mit seinem Teppich.
Der König stand auf. Begutachtete den Bettvorleger, den Nahuel der Magd abgekauft hatte. Dann die Pferdedecke, die Miro aus dem Stall mitgenommen hatte. Zuletzt den edlen, kostbaren Teppich, den Atari ihm vor die Füsse legte.
Der Teppich glänzte im Abendlicht. In sich verschlungene Pflanzenmuster waren in den kostbareren Teppich hineingewebt oder hineingeknüpft.
Da rief Lio laut: «Das sind verschiedenste Heilpflanzen, die ich in den gewebten Zeichnungen des Teppichs erkenne!»
Der König betrachtete den Teppich schweigend und staunend von allen Seiten. Befühlte ihn. Zuletzt erhob er sich und schaute Atari starr an: «Du, mein Jüngster, hast mir den kostbarsten und edelsten Teppich nach Hause gebracht. Wenn es nach Recht zugehen soll, so gebührt dir mein Königreich, wenn ich mich einmal zur Ruhe setze oder nicht mehr da bin.»
Da schrien Nahuel und Miro gleichzeitig auf: «Nein Vater, nein! Wir haben uns doch nur einen Scherz erlaubt! Atari ist viel zu jung und unerfahren! Er kann niemals dein Reich erben!»
Ja, sie bettelten und jammerten und bestürmten den König, bis dieser die Geduld verlor und schrie: «Ruhe jetzt! Ich habe genug! Ich werde mich morgen entscheiden. Doch jetzt weicht mir aus den Augen. Alle drei!», dann wandte er sich den erschrockenen Anwesenden zu, zur Königin, den Prinzessinnen und allen Bediensteten: «Das gilt auch für Euch alle. Ruhe jetzt. Ich will niemanden mehr sehen.»
Darum ist mir so bange, lieber Benjamin. Ich habe stets geglaubt, dass der König besonnen ist und mir allenfalls beistehen könnte, wenn die Königin wahrmacht, was sie mir angedroht hat. Damals, vor einem Jahr. Ja, wer kann mir helfen, wenn es denn zum Schlimmsten kommt?
Der Morgen bricht an. Die Vögel jubilieren, als wenn es Frühling wäre, nicht Herbst. Ich habe kaum ein Auge zugetan, liebe Kathrin. Ich war zu aufgewühlt.
Gibt es etwas Schlimmeres als ein zorniger König, der seinen eigenen Hofstaat in Angst und Schrecken versetzt? Nach dem Gejammer und Gezeter seiner Söhne kann ich zwar verstehen, dass er nur noch eines wollte: Ruhe. Das ist es nicht, was mich entsetzt, sondern die Art und Weise, wie er es anpackte. Er hätte seine Söhne in die Schranken weisen, ihnen Paroli bieten können. Nicht laut schreiend, sondern mit Anstand. Er hätte alle um Ruhe bitten und sich würdevoll zurückziehen können. Aber nein, er hat völlig die Fassung verloren und seine Gäste gemassregelt, die mit der Sache ja wirklich nichts zu tun haben.
Doch am schlimmsten dünkt mich, dass er nicht zu seinem Wort stand. Er war wankelmütig und unentschlossen, ja er schien hilflos. Damit hat er den Respekt verloren und seine Würde. Ein Herrscher muss Stärke zeigen und Entschlossenheit. Sonst wankt das ganze Reich.
Ich bin vorhin die Treppe hinuntergestiegen, die von meiner Schlafkammer in den Trakt des Schlosses führt, wo auch die Küche liegt. Die Küche war mein Ziel. Doch kurz davor habe ich ein Flüstern vernommen. Unter der Treppe gibt es eine Art Besenkammer. Von da her kam das Gewisper.
«Was sollen wir nur tun?», hörte ich die Stimme der Prinzessin Dana, «er hat sich lächerlich gemacht. Ich schäme mich!»
«Du meinst unseren Vater, den König? Es sind auch Nahuel und Miro, die sich dem Spott preisgegeben haben. Ein Bettvorleger und eine Pferdedecke! Ha! Sie haben unseren Vater in allergrösste Verlegenheit gebracht!», das war die sonst so bedächtige Lara.
«Ich schäme mich, ihre Schwester und seine Tochter zu sein!», wiederholte sich Dana.
«Der Schaden ist angerichtet. Wir können hier nichts mehr beschönigen, noch heilen», das war Lara.
«Und die Weisen Frauen?», entgegnete Lahja, die jüngste der Prinzessinnen.
«Die drei Weisen Frauen? Das ist eine gute Idee. Kommt, lasst uns die Weisen Frauen aufsuchen. Diese nächtigen im Gästehaus in der Nähe des Seerosenweihers. Aber seid leise. Damit uns niemand hört und aufhält!», hörte ich Lara erklären.
Auf leisen Sohlen habe ich mich zur Küche geschlichen. Niemand hat gescherzt und gelacht wie sonst üblich. Alle scheinen sie bedrückt. Magdalena hat mir eine Tasse Kaffee gereicht, Lio, der tapfere, ein mit Schokolade gefülltes Croissant und eines mit Nussfüllung. Berta hat mir ein kleines Körbchen gegeben, in welchen ich nun mein Frühstück hierhertrage. Hier, zu meinem Lieblingsplatz ausserhalb der Schlossmauer, dort wo die Wiese jetzt kurzgeschnitten ist, dort, wo, wie ich erst jetzt bemerke, auch Anette sitzt.
«Guten Morgen», sage ich zu ihr. Sie blickt mich freundlich an, nickt mir sachte zu. Ich setze mich neben sie und geniesse meinen Kaffee und teile die beiden Croissants mit ihr.
«Was nur wird der König tun?», frage ich laut. «Die Prinzessinnen jedenfalls sind besorgt. Ich habe sie flüstern hören. Sie schämen sich für ihren Vater und ihre beiden Brüder», ich schüttle den Kopf, «Sie haben recht, die Prinzessinnen, es ist unbegreiflich, wie dumm und unverschämt sich die Brüder benommen haben. Und überheblich. Arrogant!»
Ich werde zunehmend wütender, steigere mich in eine wilde, grimmige Empörung. «Die Brüder haben ihre Chance vertan! So richtig vermasselt! Wie kann man nur so blöd und einfältig sein! Ein Bettvorleger! Eine Pferdedecke! Doch der König hat seine Chance auch vermasselt. Mit Leichtigkeit hätte er die Situation retten können! Warum nur hat er sich von seinen eigenen einfältigen Söhnen ins Bockshorn jagen lassen? Wenn er doch schlicht zu seinem Wort gestanden und Atari als sein Erbe eingesetzt hätte! Was ich bei der ganzen Sache nicht verstehe: Ich vernehme allenthalben, dass die Brüder noch einen älteren Bruder hätten. Doch wo verbleibt dieser? Wurde er verstossen? Ist er unauffindbar?»
Plötzlich bemerke ich, dass Anette neben mir ganz blass ist. Blitzartig verstehe ich.
«Der Verschollene ist dein Gatte!»
Ich grüble. Wen könnte ich nach dem vermissten Prinzen fragen? Berta oder Magdalena? Die Weisen Frauen? Hermes? Und ehe ich den Gedanken zu Ende denke, steht letzterer vor uns, verbeugt sich tief und zieht einen imaginären Hut. Einen grünen Hut mit breiter Krempe, geschmückt mit einem langen Federbusch, so einen sehe ich in meinem Geiste förmlich vor mir.
«Warum so düsteren Mutes, die Damen?», nach einem kurzen Zögern, «Ach, Ihr seid besorgt? Die dummen Jungen. Ich muss Euch zustimmen. Die verdienen eine Tracht Prügel, alle beide. Ha! Mich nimmt wunder, wie sich da der König aus der Schlinge ziehen wird.»
«Die Prinzessinnen fragen bereits die Weisen Frauen um Rat!», wende ich ein.
«Ha, da bin ich mal gespannt. Lustig ist es ja. Ein richtiges Tohuwabohu! Ein Tollhaus!», amüsiert sich Hermes, «Ah, wenn man vom Teufel spricht – verzeiht, verzeiht – ich korrigiere mich – wenn man von den drei Weisen Frauen spricht – da sind sie ja schon. Alle drei treten aus dem Tor des Schlosses. Desgleichen der König und seine drei Söhne. Oder, um genau zu sein, drei seiner Söhne. Drei von Vieren.»
Ich beschliesse augenblicklich, mich später bei Hermes über diesen vierten der Söhne zu erkundigen. Später, ohne die Anwesenheit von Anette. Ich möchte sie nicht noch mehr in Aufregung versetzen.
Inzwischen tritt die kleine Gruppe auf die Wiese. Sie scheinen uns nicht zu bemerken. Oder aber Zuschauer sind ihnen einerlei.
Der König sieht übernächtigt aus. Seine fröhliche Forschheit, sein sonst jugendlicher Elan sind wie weggeblasen. «Meine Söhne», erklärt er mit kraftloser in der Stimme, «derjenige von Euch, der mir den schönsten Ring bringt, der soll mein Reich erben.»
Da tritt die zweite der Weisen Frauen hervor, jene mit dem dicken Daumen. Auch sieh bläst drei Federn in die Luft. Und wie am Abend zuvor fliegt die Feder von Nahuel nach Osten, diejenige von Miro nach Westen und die Feder von Atari hält sich nur kurz in der Luft und gleitet alsbald sachte zu Boden.
Die drei Weisen Weiblein und der König kehren schweigend zum Schloss zurück.
Erst jetzt gewahre ich die drei Prinzessinnen, die sich nicht weit entfernt von uns befinden. Eng aneinandergerückt stehen sie unter einem schmalen, geheimen Durchlass ins Schlossgelände, einem Mauerbogen, der schier zur Unkenntlichkeit von Rosen und Hopfen überwachsen ist. Von dort beobachten sie die erneute Entsendung ihrer Brüder.
«Sie haben uns doch Hilfe versprochen», jammert Dana.
«Ich vertraue den Weisen Frauen. Sie helfen stets, wenn es brenzlig ist», das ist Lahja.
«Ja, wir kennen das Schicksal nicht. Vielleicht vermeinen wir nur, dass es dumm ist, den Brüdern nochmals eine Chance zu geben. Vielleicht ist es aber das Beste!», das war Lara.
Ich stehe auf, nähere mich den dreien «Kommt zu uns», fordere ich sie auf, «leistet uns Gesellschaft!» Keinesfalls möchte ich, dass Atari sich beobachtet und belauscht fühlt.
Ich blicke über die Wiese zu Atari, der am Boden hockt, Verwundert die Feder in seiner Hand betrachtet. Ich sehe nur Stoppeln und abgeschnittene Stängel. Nirgends ist eine Falltür auszumachen. Was, wenn er keinen Ring finden sollte? Seine Brüder sind inzwischen längst in der Ferne verschwunden, einer Richtung Osten, der andere nach Westen.
Die drei Prinzessinnen verlassen ihr Versteck in der Schlossmauer und setzen sich zu uns auf die Wiese.
Gebannt und schweigend sehen wir Atari auf dem Boden sitzen, dort, wo seine Feder hingeflogen ist. Jetzt steht er auf, macht einen Schritt vorwärts, bückt sich und öffnet eine Falltür – ich kann gerade noch knapp meinen lauten Freudenschrei unterdrücken.
Atari steigt wie tags zuvor die Treppe hinunter und verschwindet in der Tiefe.
Wir hören ein Krächzen und Quäken und Quaken. Dann fragt eine Stimme: «Was erbittest du denn heute von uns?»
«Den schönsten Ring soll ich dem König, meinem Vater, bringen», hören wir die verzagte Stimme Ataris.
«Was seht ihr?», fragen mich die drei Prinzessinnen aufgeregt.
«Nun, die dicke Itsche ermuntert den jungen Prinzen. “Kopf hoch Atari! Du bist genau richtig hier“, und heisst ihre Töchter, ihr die kleine Schachtel zu bringen und legt diese vor Atari hin. Der öffnet sie und zieht einen Ring heraus, der glänzt von Edelsteinen und ist so schön und fein gearbeitet, dass wohl kein Goldschmied auf der Erde je einen solchen je wird anfertigen können.
“Habt Dank, Ihr lieben Itschen. Habt tausend Dank!“
“Ach, nichts zu danken. Geh getrost nach Hause. Du wirst schon bald wiederkommen! Schneller als dir lieb ist.“
“Ja, klar, werde ich wiederkommen. Ich schulde euch ein Dankeschön! Was begehrt Ihr? Habt Ihr Wünsche? Soll ich Euch einen Teich anlegen lassen?“
“Deine Freude ist uns Dank genug. Einen Teich brauchen wir nicht. Des nachts baden wir heimlich im verzauberten Seerosenteich im Garten eures Schlosses. Mehr brauchen wir nicht!“»
Ich verstumme, denn jetzt muss ich den Faden nicht weiterspinnen. Jetzt steigt Atari leibhaftig und für uns alle sichtbar die Treppe herauf, schliesst sorgfältig die Falltür und setzt sich ins Gras. Der Ring in seiner Hand blitzt und leuchtet in der Morgensonne. Atari ist die Erleichterung anzusehen, er strahlt übers ganze Gesicht. Sorgfältig verstaut er den Ring in seiner Manteltasche und kehrt zum Schloss zurück. Just in diesem Moment erscheinen seine beiden Brüder. Der eine von Osten, der zweite von Westen herkommend. Sie scheinen gut gelaunt zu sein.
«Bist du immer noch hier, du armer Tölpel?», spottet Nahuel.
«Jetzt haben wir dich bestimmt übertrumpft!», prahlt Miro.
Zusammen treten sie durchs Schlosstor und verschwinden so aus unserem Gesichtsfeld.
«Erzählt schon! Was trägt sich jetzt zu?», Hermes ist sichtlich neugierig.
Jetzt erscheint auch Lio, der mich gesucht haben muss, um mich zu fragen, ob ich noch Kaffee wolle oder sonst einen Wunsch habe. Kaum hat er uns alle entdeckt, ruft er «Wartet!», dreht sich um und kehrt kurz darauf mit Berta und Magdalena zurück, welche für uns alle Verpflegung mitbringen. Der alte Mann folgt ihnen, gemessenen Schrittes.
«Nun, nehmt Ihr den Faden wieder auf?», neckt mich Hermes, als wir alle friedlich beieinandersitzen und uns mit köstlich knusprigen Brötchen und Kuchen den Bauch vollschlagen.
Ich räuspere mich, denn, liebe Kathrin, ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mein erweitertes Frühstück mit einem Stück Birnen-Käsekuchen, oder vielmehr mit etwas Süssem, beispielsweise dem lauwarmen Schokoladekuchen abschliessen möchte.
Doch alle schauen mich erwartungsvoll an, alle haben aufgehört zu kauen. So trinke ich lediglich einen Schluck dieses herrlichen Quellwassers, schiebe den Teller mit dem Käsekuchen etwas von mir weg und räuspere mich erneut.
«Nahuel, Miro und Atari betreten gemeinsam die Kammer des Königs, der bereits ungeduldig auf seine drei Söhne gewartet hat.
“Nun zeigt mir die Ringe!“, fordert er sie auf.
“Ich habe den Ring von einem Grafen, der ihn seiner Verlobten schenken wollte. Der Ring ist ein dreifacher. Die dünnen Ringe aus Rotgold, Gelbgold und Weissgold sind ineinander verschlungen“, erläutert Nahuel seinen Fund.
“Wahrlich, dieser Ring ist ein edles Stück!“, lobt ihn der König.
“Ich habe meinen Ring von einem Schatzmeister. Er habe den Ring von seiner Urgrossmutter erhalten und diese habe ihn bereits von ihrer Grossmutter geerbt“, erklärt Miro.
“Wahrlich, auch dieser Ring ist ein prachtvolles Stück!“, lobt ihn der König.
Jetzt zieht Atari den Ring der Itschen aus seiner Tasche. Dieser funkelt und strahlt, der König hält die Hand vor seine Augen und schaut dann wie geblendet weg.
“Was tust du da?“, schilt ihn Nahuel, “Willst du unseren Vater blenden?“
“Das ist dunkle Zauberei!“, doppelt Miro nach, “Willst du unseren Vater verhexen?“
“Nein, haltet ein! Der Ring hat mich wegen seiner überirdischen Schönheit geblendet!“, wendet der König ein.
“Seht Ihr, überirdisch. Das ist schwarze Magie! Legt den Ring sofort weg!“, beschwört Nahuel seinen Vater.
“Schaut doch nur!“, begeistert sich der König nun, “Dieser überaus kunstvoll gefertigte Ring ist gleich einer Blütenranke eines feinblättrigen Krautes geformt. Der Ring ist so kunstvoll ziseliert, jedes der Blättchen des Krautes hebt sich gestochen scharf von den anderen ab. Die Blümchen sind allesamt aus hellen, beinahe durchsichtigen, winzigen Edelsteinen gefertigt, immer fünf an der Zahl. Dazwischen glänzen rubinrote Tautropfen“, er hält atemlos inne und fährt dann hingerissen fort: “Dieser Ring ist der edelste, kostbarste, brillanteste, den ich je gesehen habe. Dir, Atari, gebührt mein Königreich.“
Es ist entschieden!
«Es ist entschieden!», jauchzt Dana laut.
«Atari wird das Reich Erben!», freut sich Lara.
«Endlich kehrt wieder Ruhe und Frieden ein!», seufzt Lahja wie erlöst.
Die Erleichterung ist uns allen anzusehen. Mit grossem Genuss bestreichen wir erneut knusprige, noch warme Brötchen mit der gelben Butter, beissen in kleine, pikante Ofenküchlein und ich ziehe meinen Teller mit dem Birnen-Käse-Kuchen zu mir, um ihn endlich genussvoll zu verspeisen.
Wie sehr wir uns doch irren sollten.
Der König hat Atari zum Erben ernannt. Jetzt wird Frieden einkehren. Jetzt wird alles gut.
Das ausgedehnte Frühstück auf der Wiese vor dem Schloss neigt sich dem Ende zu. Heiter und beschwingt brechen wir auf. Magdalena und Lio räumen gut gelaunt das Geschirr weg. Die Prinzessinnen schlendern davon, fröhlich schäkernd und sich neckend. Berta nimmt eine Büchse mit Blütenblättern und reicht sie Anette, die jetzt ihr Nähkörbchen hervorzieht. Der alte Mann und Berta spazieren zum Schloss zurück. Hermes reicht mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen.
«Wohin des Weges, meine Schöne?», foppt er mich.
«Wo immer es Euch hinzieht!», mein schöner Herr, necke ich ihn.
«Ja, dann wollen wir etwas Lustwandeln und Ihr gesteht mir endlich, was Euch am Herzen liegt!», erklärt er sanft lächelnd.
«Oh, Ihr könnt auch charmant sein?»
«Ich bin immer charmant. Charmant, zuvorkommend, vorausdenkend!»
Wir wandeln auf dem Pfad, der ums Schloss herumführt.
«Nun spuckt es schon aus!», fordert mich Hermes heraus.
«Was wisst Ihr über Anette?»
«Emanuel, der Prinz, hat sie einst von einem Jagdausflug nach Hause gebracht.»
«Mein Gott! Was war geschehen? War sie verletzt?»
«Die Jäger hatten sie auf einem Baum entdeckt, wo sie sich versteckt hatte.»
«Sie hat sich versteckt? Weshalb denn? Vor einem wilden Tier? Vor den Jägern?»
«Stellt Euch vor, Mylady, ich habe keine Ahnung», wiederum verbeugt sich Hermes vor mir, zückt den imaginären Hut, «Es war einfach der Ort respektive der Baum, wo die Jäger sie fanden. Die Jäger fragten nach ihrem Namen, hiessen sie herunterkommen. Ohne Erfolg. Sie tat keinen Wank und schwieg. Die Jäger waren natürlich verwundert, dass eine so junge Frau – dazu noch in der Blüte ihrer Schönheit – auf einem Baum sass und keine Antwort gab. Die Jäger liessen sie nicht in Ruhe. Worauf Anette – sie heisst natürlich nicht Anette, wie Ihr wisst – also Anette warf ihnen ihre goldene Halskette hinunter, sie dachte wohl, die Jäger würden sie dann in Ruhe lassen. Doch so geschah es nicht.»
«Nähte sie denn auf dem Baum?»
«Das ist nicht überliefert. Kurz und gut. Sie warf nach und nach alles herunter, was sie entbehren konnte. Einen Gürtel, ein Strumpfband und so weiter. Bis sie nur noch in der Unterwäsche auf dem Baume sass. Dann stiegen die Jäger den Baum hinauf und holten sie herunter.»
«Ohne dass sie es wollte?»
«Dass sie es nicht wollte, sollte doch klar geworden sein. Bin ich ein so schlechter Erzähler?», scherzt Hermes, «Nun denn: Ohne dass sie es wollte. Korrekt.»
«Ich bin schockiert. Wie ging es weiter?»
«Die Jäger brachen die junge Frau zum Prinzen und erzählten ihm alles, was sich zugetragen hatte. Dieser fragte sie nun ebenfalls nach ihrem Namen, und zwar in allen Sprachen, die er kannte, doch Anette blieb stumm wie ein Fisch. Er war über das schweigende, schöne Mädchen gerührt, das so dürftig bekleidet vor ihm stand. Er legte ihr seinen Mantel um, setzte sie auf sein Pferd und brachte sie ins Schloss.»
«Wie eine Trophäe», mutmasse ich, «Er wird wohl geglaubt haben, dass er sie errettet habe.»
«Sie war wunderschön. Sie war zwar in Lumpen gehüllt, mager, nur das Nähkörbchen, dass sie Tag und Nacht nicht aus den Augen lässt und immer bei sich trägt, das war sauber und zeugte von edler Herkunft. Was ich sagen möchte: Es ist ein kostbares Körbchen und einer Prinzessin würdig und keiner einfachen Schneiderin. Der König stellte ihr eine Kammerjungfer zur Seite und beschenkte sie mit edler, auserlesen herrlicher Kleidung. Mit anderen Worten: Sie wurde gründlich gewaschen, parfümiert und prächtig eingekleidet und alle waren von ihrer Schönheit hingerissen. Der Prinz setzte sie bei Tisch an seine Seite, und ihre bescheidenen Mienen und ihre Sittsamkeit gefielen ihm so sehr, dass er sprach: "Diese begehre ich zu heiraten und keine andere auf der Welt," und nach einigen Tagen vermählte er sich mit ihr.»
«Und sie lebten glücklich bis an ihr seliges Ende!», jetzt bin ich zynisch.
«Ihr seid zynisch!», amüsiert sich Hermes.
«Liebt sie ihn denn?»
«Dass müsst Ihr sie schon selbst fragen!»
«Ihr wisst doch, dass sie stumm ist, oder zumindest kein Wort sagt. Das habt Ihr mir gerade eben glaubwürdig erzählt. Deshalb frage ich Euch. Ihr kommt viel in der Welt herum, wie Ihr selbst sagt. Was ist denn Euer Eindruck: War sie eine glückliche Braut, war sie froh, den Prinzen zu ehelichen? Liebte sie ihn?»
«Ich weiss nur eines: Sie blühte richtiggehend auf, als sie ihr erstes Kind erwartete!»
«Sie hat ein Kind? Anette hat ein Kind? Wo ist es? Bei seiner Amme – oder», mir stockt der Atem, «Ist etwas Schreckliches passiert?»
«Das weiss niemand. Das Kind war eines Tages nicht mehr da. Verschwunden.»
Ich bin erschüttert. «Ist es krank geworden und gestorben?»
«Das weiss niemand.»
«Wurde es ihr weggenommen?»
«Wie ich schon sagte. Es gibt zwar Gerüchte, aber niemand weiss, was geschehen ist. Auch beim zweiten Kind nicht.»
Jetzt bin ich schockiert und erschüttert zugleich. «Sie hat zwei Kinder verloren?» Ich mag mir gar nicht vorstellen, was eine Mutter durchmacht, die zwei ihrer Kinder verloren hat.
«Jetzt trägt sie das dritte Kind unter ihrem Herzen.»
«Ach!» Jetzt wird mir alles klar. Als ich einen Blick in ihr Inneres erhascht hatte, da sah ich eine grosse Furcht, eine panische Angst.
«Wir müssen etwas tun!»
«Anette verstecken? Anette entführen?»
«Ach, wie die Rinderherde in Eurer frühen Kindheit? Keine schlechte Idee. Vielleicht habt Ihr ja das Entführen inzwischen etwas verfeinert?», versuche ich dieser schmerzhaften Geschichte etwas Leichtigkeit zu verleihen, «Auf jeden Fall...», da werde wir durch ein lautes Glockengeläut unterbrochen.
«Schnell! Es brennt! Oder jemand ist verunfallt!»
Anette! Denke ich. Es muss etwas mit Anette geschehen sein. Wir kehren um und ich gewahre mit Erleichterung, dass Anette noch immer in der Wiese sitzt und selbstvergessen an einem weissen Gewebe näht. Jetzt bemerke ich auch das Bäuchlein. Wie habe ich bis anhin nur ihre Schwangerschaft übersehen können?
Da kommt uns Lio rennend und Zeter und Mordio brüllend entgegen.
«Hermes! Geschwind! Ihr müsst den Arzt holen! Dem König geht es schlecht und königliche Arzt ist nicht im Schloss sondern auf Visite in den Dörfern», schreit Lio uns zu.
Ich blicke zu Hermes, der seine Schuhe hinten öffnet, seine silbernen Schuhe, die er bei mir zuhause ins Schuhregal gestellt hatte – wann? Vor Stunden erst oder Tagen? – jetzt öffnet er die Schuhe und die Flügelchen, die oberhalb des Knöchels sitzen, entfalten sich und ehe ich begreife, was ich da sehe, schwirrt Hermes auf und davon.
Liebe Kathrin. War nicht eben erst alles ruhig und friedlich? Jetzt scheint ein wildes Chaos ausgebrochen zu sein. Sollte eine Märchenerzählerin nicht alle Fäden in der Hand halten? Den Überblick bewahren? Die Fäden anordnen und festhalten?
Ich hingegen sehe nur lose Enden. Einer der Fäden schwirrt gerade davon. Hermes. Mit seinen Knöchelflügeln. Das zweite lose Ende sitzt auf der Wiese, hat die Näharbeit noch in den Händen und schaut bestürzt dem Entschwindenden hinterher. Das dritte lose Ende ist Lio, als Vertreter des Königshaushalts, wo gerade alles drunter und drüber geht.
War nicht eben erst eitler Frieden? Unverhoffter Einklang zwischen dem König und seinen Söhnen?
«Lio, sag, was ist geschehen?», frage ich ihn ungeduldig.
«Sie haben sich erneut gestritten. Der König mit seinen drei Söhnen. Alle viere sind sie aneinandergeraten. Wir hörten den Streit bis in die Küche. Nahuel und Miro haben den Vater angefleht, gebettelt, ja bedrängt, dass er ihnen nochmals eine Aufgabe stellen möge. Denn die Ringe seien alle wunderbar gefertigt, kostbar, jeder für sich einmalig und deshalb gleichwertig. Sie hätten alle Anrecht auf das Reich», erklärt Lio seufzend, «Daraufhin hat der König laut gelacht. Dies Lachen war unheimlich. Anstelle zu poltern und zu schimpfen ist der König in lautes Gelächter ausgebrochen. Bei uns in der Küche wurde es mucksmäuschenstill. Wir haben uns kaum getraut zu atmen. Wir erwarteten eine Katastrophe, einen Knall. Plötzlich ward Ruhe. Dann hat der König jählings laut und schrill geschrien: “Der soll mein Reich erben, welcher die schönste Braut nach Hause bringt!“ Kurze Zeit war es erneut still. Dann hat Atari mit fester Stimme gesagt: “Die schönste Braut hat unser Bruder Emanuel bereits nach Hause gebracht. Sie sitzt draussen auf der Wiese und näht.“»»
«Ja, und wie ging es weiter?»
«Da habe Nahuel und Miro ihm wütend geantwortet, dass er diesen Namen nicht aussprechen dürfe. Anette sei zudem eine Kindermörderin und könne froh sein, dass man ihr Asyl gewähre.»
«Und?»
«Und dann geschah alles auf einmal. Atari tauchte atemlos in der Küche auf und forderte uns auf, sofort den Palastarzt herbeiordern, der König sei zusammengebrochen und scheine schwer erkrankt zu sein. Nahuel und Miro brüllten Atari nach, er hätte den Vater umgebracht», Lio stöhnt auf, «Wenn nur der Arzt bald kommt. Wenn nur der König am Leben bleibt!»
Lio setzt sich ermattet nieder, ich mich neben ihn.
««Ich habe die Ringe gesehen», beginnt er plötzlich den Faden wieder aufzunehmen, «Bei Ataris Ring schlingt sich eine Ranke eines Krauts, eines ganz speziellen Krauts, ringförmig um sich selbst. Du musst wissen: Ich kenne das Kraut. Im Küchengarten wächst dieselbe Staude, natürlich eine lebende, nicht aus Gold und Silber und Edelsteinen. An einer verborgenen Stelle des Gartens rankt sich das Kraut an einer Kletterhilfe eine Mauer empor, eine Mauer, die von der Morgensonne angeschienen wird», er nimmt einen tiefen Atemzug, «Aber das ist noch nicht alles. Du hast den Teppich doch auch gesehen? Ataris Teppich mit den verschlungenen Blüten- und Blättermustern? In der Mitte des Teppichs ist dasselbe Kraut hineingewoben oder geknüpft. Fünf weisse Blümchen mit sternenförmig angeordneten Blütenblättern, rings um die Blüte eine lange Ranke mit den fingerförmig gearteten Blättern. Das kann doch kein Zufall sein! Das hat doch etwas zu bedeuten!», ereifert sich Lio, «Dieses Kraut ist ein wichtiges Heilkraut. Ein Tee davon könnte dem König bestimmt helfen! Es soll beruhigend wirken und das Herz stärken!», und mit einem Seufzer, «Das ist noch nicht alles. Du weisst noch nicht, wie das Kraut heisst!»
«Jetzt machst du mich neugierig!», erwidere ich.
««Jiaogulan wird das Kraut genannt, dort wo es ursprünglich herkommt. Der Name bedeutet “Kraut der Unsterblichkeit“», erklärt mir Lio, "Magdalena pflückt jeden Morgen einige Blättchen und bereitet für sich, Berta und die Küchenmägde einen Tee zu. Deshalb bleiben sie unentwegt gesund und kräftig! Stell dir nur vor, die alte Berta arbeitet oft bis tief in die Nacht hinein und steht doch bereits frühmorgens noch vor Sonnenaufgang in der Küche!»
«Weshalb bringt denn niemand dem König diesen Tee?», frage ich erstaunt, «Wenn diese so wichtige und heilsbringende Pflanze doch im Küchengarten wächst?", ich werde zunehmend aufgeregter, «Wenn das Kraut hält, was es verspricht, ich meine, was sein Name verspricht, so müsste es ja geradezu den König heilen!»«Ach, der König hört nur auf seinen Arzt und sonst niemanden!», erwidert Lio verzagt.
«Der Arzt könnte ihm den Tee reichen!»
«Ach, der Arzt! Der hört nicht auf uns einfache Leute. Auf die drei Weisen Frauen vielleicht. Aber damit hat’s sich!», seufzt Lio resigniert.
«Aber du, Lio, du könntest dem König den Tee bringen!», wundere ich mich.
«Ich! Du scherzt! Wenn der König nicht ohnmächtig wäre, würde er mich hochkant aus seiner Kammer werfen lassen und mich vielleicht sogar verbannen. Damit wäre mein Studium hier beendet.»
««Nein, das darf keineswegs geschehen!», rufe ich erschrocken aus, «Weisst du was? Ich werde mir etwas einfallen lassen! Ich bin doch die Märchenerzählerin», tröste ich Lio, «Du darfst nicht hier weg. Ich möchte noch viele Tage deine Kochkünste geniessen können. All die vielen Leckerbissen, die du zubereitest und zubereiten wirst, nein die lasse ich mir nicht entgehen!»
Lio lächelt mir zu: «Hat dir der Käsekuchen gemundet? Hast du die hauchdünnen Speckstreifen, die ich auf den Teigboden gelegt hatte, herausgeschmeckt?»
«Ach das war es, das den Kuchen so einzigartig gemacht hat!»
Lio lächelt mir entspannt zu.
Da erscheint eine mit vier schwarzen Pferden bespannte Kutsche, die mit ungestümer Geschwindigkeit geradewegs aufs Schloss zuhält. Hermes sitzt auf dem Kutschbock, mit Peitschenknallen die Pferde antreibend.
Lio ergreift unwillkürlich meine Hand: «Das muss der Arzt sein!»
Lieber Benjamin. Du wirst es mir nicht glauben. Aber ich sass heute den ganzen Tag über in der Kutsche zusammen mit der Märchenerzählerin und Lio, dem netten Küchenjungen, den drei Weisen Weibchen, die hier so viel Ansehen haben. Aber das Verrückteste ist – ich hätte es mir in den kühnsten Träumen nicht vorstellen können – mir gegenüber sass die Königin.
Die Fahrt war derart holperig, dass ich unmöglich hätte nähen können, was ich ohnehin nicht tun würde, wenn «sie» zusieht. Dieses falsche Weib, diese eifersüchtige, verleumderische Schwiegermutter.
Du fragst dich jetzt bestimmt, wie es dazu gekommen ist.
Nun, wir sassen draussen, an meinem angestammten Platz in der Wiese vor den Schlossmauern, wo ich so viele Tage, Wochen, Monate, ja Jahre gesessen und genäht habe.
Da kam Lio aus dem Tor gerannt und rief laut nach Hermes, dass dieser sofort den Leibarzt des Königs suchen müsse. Der König sei ohnmächtig zusammengebrochen.
Also schwirrte Hermes mit seinen Flügelchen davon. Ohne das Brieflein für dich mitzunehmen, das sich bereits fertig eingepackt und versiegelt in meinem Nähkörbchen befand.
Wir sassen da, wie vom Blitz getroffen, die Märchenerzählerin und ich. Lio setzte sich zu uns und erzählte uns haarklein, wie sich alles zugetragen hatte.
Es muss einen Streit gegeben haben zwischen dem König und seinen drei Söhnen. Weisst du, es geht eigentlich immer um dasselbe: Reichtum und Macht. Das muss den König so aufgebracht haben, dass er krank wurde.
Der Leibarzt kam mit der Kutsche, Hermes selbst sass auf dem Bock und kutschierte das Gefährt mit den vier schwarzen Pferden. Lio folgte ihnen.
Der Arzt untersuchte den nach wie vor ohnmächtigen König, der kaum noch atmete, dessen Herz nur noch zögernd schlug. Der Arzt konnte nichts ausrichten. Der König liege im Sterben, teilte er der entsetzten Familie mit und packte seine Utensilien wieder zusammen. Das alles teilte mir im Nachhinein Lara mit, denn ich sass ja die ganze Zeit draussen auf der Wiese vor der rosenumrankten Schlossmauer.
Die Königin wütete und zeterte. Sie schrie den Arzt an, nannte ihn einen Nichtsnutz, schleuderte ihm ins Gesicht, dass sie seine Dienste nicht mehr brauche und er entlassen sei. Daraufhin sagte der Arzt zögernd, es gäbe vielleicht ein Mittel, das dem König helfen könne. Vielleicht handle es sich nur um ein Gerücht. Doch er habe gehört, dass das Heilmittel schwer zu beschaffen sei. Im Prinzip sei es ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Königin drohte ihn auspeitschen lassen, wenn er nicht sofort sage, wie das Mittel heisse und wo man es finde. Sie sei reich genug, sie könne jedes Heilmittel bezahlen. Sie lasse gleich den Schatzmeister rufen.
Lio hatte derweilen Magdalena bekniet, dem König doch einen Tee mit dem Unsterblichkeitskraut zu brauen und dem König doch ein Löffelchen, ein einziges, winziges Löffelchen davon einzuflössen.
Tatsächlich gelang es, der König machte einen tiefen Seufzer und schlug die Augen auf. Er erblickte seine Familie, die sich um ihn versammelt hatte. Alle hatten sie Tränen in den Augen. Doch der Arzt meinte, dies sei lediglich eine Krise, der König würde gewiss sterben.
Da nahm die Königin der verdutzten Magdalena die Tasse mit dem Tee aus der Hand und flösste ihrem Gatten noch ein Löffelchen des Gebräus ein. Der König konnte jetzt den Kopf heben. Die Königin fuhr unbeirrt mit ihrem Tun fort.
Zum Erstaunen aller setzte sich der König auf und sagte: «Ich werde bald sterben.»
«Es gibt ein Mittel, das dich gesund machen kann», flüsterte die Königin ihm zu.
«Wie ich schon sagte, niemand weiss, wo das Mittel zu finden ist!», widersprach der Arzt.
«Nun sagt uns schon, wie der Name des Mittels heisst!», herrschte die Königin ihn ungeduldig an.
«Es ist das Wasser des Lebens», liess sich endlich der Arzt resigniert vernehmen, «Doch niemand, der sich je auf die Suche nach dem Wasser des Lebens gemacht hat, ist zurückgekehrt!»
«Ich mache mich auf den Weg und suche es!», rief da mutig Nahuel.
«Auf keinen Fall!», widersprach die Königin.
«Lieber würde ich sterben, als dich gehen lassen, mein lieber Sohn», widersprach auch der König mit schwacher Stimme.
Doch Nahuel liess sich nicht abbringen. Er sattelte sein Pferd, liess sich von Berta und Magdalena ausreichend Proviant in die Satteltaschen einpacken und ritt davon.
Das war vor drei Tagen gewesen. Drei höllische Tage. Die Königin schrie und jammerte unentwegt: «Weshalb habe ich ihn ziehen lassen? Wir hätten ihm doch wenigstens ein Geleit mitgeben können, Leute, die ihm zur Seite stehen. Weshalb habe ich mich überrumpeln lassen?»
Und so weiter, und so weiter. Nach diesen drei Tagen fasste sie plötzlich den Entschluss, dass sie, sie die Königin selbst, Nahuel nachreisen wolle.
Eilig wurde die Kutsche gepackt. Hermes sollte diese lenken. Die drei Weisen Frauen musste mit – es hätte ja sein können, dass diese den Weg kannten oder erkennen würden, oder die Richtung, die Nahuel eingeschlagen hatte. Die Märchenerzählerin war aus demselben Grund ebenfalls eingeladen. Zudem Lio, der nicht zu viel Platz in der Kutsche brauchte – er ist ja ein schmaler Jüngling – und sich mit dem Proviant gut auskennt. Zu guter Letzt liess mir die Königin ausrichten, ich müsse ebenfalls dabei sein.
Das befremdet mich noch immer, mein lieber Bruder. Sieht die Königin endlich ihr Unrecht ein, das sie mir angetan hat? Möchte sie allenfalls Quellnymphen, Waldgeister oder Irrlichter mit meiner Anwesenheit besänftigen?
Der Anlass zu dieser Fahrt ist demzufolge absonderlich. Für mich aber unfassbar ist, wie sehr ich diese Fahrt bisher genossen habe. Wenn ich nicht gerade meine Mitreisenden betrachtete, die Weiblein, die mit ihren Köpfen nickten, als würden sie unentwegt jemanden begrüssen, Lio, der interessiert nach draussen blickte oder höflich nachfragte, ob wir bestimmt nichts zu essen oder trinken brauchten, oder die Königin, die mit ausdrucksloser Mine mir gegenübersass, starr und königlich aufrecht, ja, wenn ich nicht meine Mitreisenden beobachtete, dann schaute ich durch die offenen Fenster der Kutsche hinaus in die Landschaft.
Der Weg führte uns entlang von Bächen und kleinen Flüssen. Wir hielten in Weilern an, wo Gänse und Hühner herumstreunten und gackerten, Kinder fröhlich spielten und die Frauen in ihren Gemüsegärten jäteten oder Äpfel und Birnen ernteten, und fragten nach Nahuel. Wir hielten bei den abgelegensten Bauernhäusern und Gasthöfen an. Doch niemand hatte Nahuel gesehen.
Da hob auf einmal eine der Weisen Weiblein, jene mit dem dicken Fuss, die Hand und rief: «Anhalten!»
Hermes musste übersinnlich gute Ohren haben, denn augenblicklich hörte ich sein lautes «Brrr!», die Pferde schnaubten, verlangsamten ihren Trab und standen still.
Die Alte stieg aus, wir ebenfalls.
Ein Zwerg stand da, mitten auf einer Kreuzung, und schaute uns aus seinen kleinen, dunklen Äuglein wissend an: «Ihr habt lange gebraucht! Ich habe keine guten Nachrichten!»
Da schritt die Königin auf ihn zu: «Guter Mann. Wisst Ihr denn, wo mein Sohn ist?»
«Das weiss ich wohl. Er war unartig, arrogant, hat sich über mich lustig gemacht.»
«Wie das?», insistierte die Königin.
«Euer Sohn kam auf mich zugeritten. Ich zückte höflich den Hut, habe Euren Sohn ebenso höflich gefragt, wohin des Weges er denn so geschwind wolle!»
«Ja, und dann?», die Königin beherrschte ihre Ungeduld aufs Vortrefflichste.
«Dummer Knirps, hat er da zu mir gesagt, das brauchst du nicht zu wissen.»
«Ja und dann?»
«So ein einfältiger Kerl. Ich hätte ihm helfen können. Ich kenne sein Ziel. Ich kann solchen Hochmut nicht ausstehen, ich bin zornig geworden und habe ihn verwünscht!»
«Was bedeutet das?», fragte die Königin mit zitternder Stimme.
«Er wird sich verirren. Er wird in einem grossen, erhabenen Gebirge in eine Schlucht geraten, die immer enger und enger wird, bis er nicht mehr weiterkann. Nicht vorwärts, nicht rückwärts. Bis er stecken bleibt! Haha! Der Narr!»
Wir rasten an einem Waldrand, liebe Kathrin. Es ist der sechste Abend, seit wir aufgebrochen sind, und es wird der letzte sein. Die Verpflegung geht uns aus. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb wir morgen in der Frühe zurückreisen werden.
Ich liege in der Nähe des Feuers auf einer Wolldecke und starre in den Himmel, welcher dank der hier vollkommenen Dunkelheit über und über mit Sternen bedeckt ist. Lio bereitet das Abendessen zu. Über dem Feuer brutzeln Wachteln, die auf dünnen Holzzweigen aufgespiesst sind. Es duftet köstlich.
Diese kurze Reise war abenteuerlich, der Anlass dazu war ja recht abwegig, wussten wir doch nicht, in welche Richtung wir Nahuel suchen sollten. Die Stimmung war zu Beginn ausgelassen, beinahe beschwingt. Das konnte ich gut verstehen. Endlich etwas tun zu können anstelle des ohnmächtigen Abwartens. Inzwischen ist die Stimmung gekippt. Und zwar gründlich.
Das kam so. Der Zwerg hatte der Königin auf ihr hartnäckiges Bitten hin erklärt, dass Nahuel Richtung Osten geritten sei und sie gleichzeitig gewarnt, sich auf die Suche nach ihm zu machen. Das Gebirge, wo Nahuel in die Schlucht geraten sei, würde sie niemals erreichen können. Doch die Königin liess sich nicht beirren und hiess Hermes, den Weg nach Osten hin einzuschlagen.
Noch gleichentags erblickten wir weit entfernt im Osten ein hohes, zerklüftetes Gebirge.
«Ha, der Zwerg wollte uns hinters Licht führen!», feixte die Königin, «Da sehen wir ja bereits unser Ziel vor uns. Gut gemacht, Hermes. Weiter so.»
Frohgemut fuhren wir weiter und geradewegs durch einen Wald mit hohen Fichten und Föhren, vermeintlich Richtung Gebirge, doch als wir aus dem Wald herauskamen, war das Gebirge verschwunden. Buchstäblich wie vom Erdboden verschluckt.
Hermes lenkte die Kutsche auf eine kleine Anhöhe. Von dort aus wollte er Ausschau halten, wo sich das Gebirge wohl befinde. Ich nahm an, dass wir im Wald falsch abgebogen wären.
Weisst du, liebe Kathrin, ich wunderte mich sehr. Hermes hätte nur seine Flügelchen entfalten, einige Meter hinaufschwirren und so Ausschau halten können, wo das Gebirge sei. Aber so tat er nicht. Auch die Weisen Weiblein hätten mit ihrer sagenhaften Weisheit wissen müssen, wohin wir fahren sollten. Aber sie schwiegen beharrlich.
Auf der Anhöhe angekommen, erblickten wir das Gebirge, das nun weit entfernt im Süden lag.
Die Königin schien im ersten Moment etwas konsterniert. Doch sie fasste sich schnell: «Gut, gut. Dann reisen wir nach Süden Richtung Gebirge!», gebot sie Hermes. Da es bereits Abend war, beschlossen wir, an Ort und Stelle zu übernachten.
Am nächsten Tag lag das Gebirge ruhig und majestätisch vor uns. Doch bevor wir es erreichten, gerieten wir wiederum in einen Wald mit hohen Bäumen, nun Buchen und Ulmen. Als wir aus dem Wald herausfuhren, war das Gebirge verschwunden.
«Das geht nicht mit rechten Dingen zu!», erboste sich die Königin und hiess Hermes unser Gefährt auf den nächsten Hügel zu fahren. Das einzige Gebirge weit und breit, das wir nun erblickten, lag im Westen. So hiess die Königin Hermes nach Westen fahren. Wiederum war es bereits später Nachmittag und so übernachteten wir erneut.
Lio zauberte mit dem Proviant, den Berta und Magdalena uns eingepackt hatten, fabelhafte Gerichte, die uns immer wieder aufmunterten. Selbst die Königin, welche an jenem Tag mit versteinerter Miene neben Hermes auf dem Kutschenbock gesessen hatte, um das Gebirge ja nicht aus den Augen zu verlieren, ja, auch sie schien etwas gelöster.
Heute Morgen lag das Gebirge wie gestern Abend unbeweglich und achtungsgebietend im Westen. Die Königin setzte sich wiederum neben Hermes auf den Kutschenbock. Ich konnte ihr ansehen, dass ihr bange war. Als wir dann wie gestern und vorgestern zu einem Wald gelangten, hiess sie Hermes diesen zu umfahren. Also bog er rechts ab, immer dem Rand des Waldes folgend. Und da geschah das Unglaubliche. Wir gewahrten auf einmal, dass wir vom Wald umschlossen waren. Der vermeintliche Weg um den Wald führte uns im Kreis auf unseren ursprünglichen Weg durch den Wald zurück.
«Das darf doch nicht sein!», ereiferte sich die Königin, «so sagt doch etwas!»
«Ich kann nichts tun, als die Pferde lenken», antwortete Hermes.
Die Weisen Frauen nickten mit ihren Köpfen und schwiegen.
«Könnt Ihr mir nicht raten?», heischte die Königin sie an.
«Ihr müsst den Weg gehen, der vor Euch liegt. Mehr können wir dazu nicht sagen.»
So kam es, dass wir wiederum durch den Wald fuhren. Ein schier undurchdringlicher, dichter Wald mit vielem Buschwerk. Der Weg war schmal.
Als wir zu einer Lichtung gelangten, ergriff Anette plötzlich meine Hand und drückte sie. Mitten in der Lichtung lag ein dunkler Waldweiher, darin Schwäne schwammen und gründelten. Sechs Schwäne. Anette zitterte am ganzen Körper, hielt mit der anderen Hand das Nähkörbchen fest an sich gedrückt. Da breiteten die Schwäne ihre Flügel aus, schwangen sich empor und verschwanden über den Kronen der Bäume davon.
«Kommt, gebt mir Eure Näharbeit, Prinzessin!», sprach auf einmal jene Weise mit der dicken Lippe die immer noch bebende Anette an.
Ich weiss nicht, wie es geschah. Die Alte griff in das Körbchen, das Anette ihr reichte, und – habe ich richtig gehört? – es raschelte, zischte, quietschte, wie ein Uhrwerk, das geölt werden müsste, dann gab die Alte das Körbchen Anette zurück. Diese schaute hinein und ein zartes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
«Ich habe genäht, was genäht werden muss», erklärte mir die weise Alte ungefragt.
Liebe Kathrin. Ich muss dem Geheimnis von Anette auf die Spur kommen. Sobald wir wieder zurück im Schloss sind. Ich muss endlich tun, was ich mir schon lange vorgenommen habe.
Zurück zu unserer Reise. Wir fuhren weiter durch den Wald, denn Hermes hatte bei der Lichtung und dem Weiher nicht angehalten. Als wir aus dem Wald ins Freie gelangten, stiess die Königin einen lauten Schrei aus: Das Gebirge war verschwunden.
Hermes hielt die Kutsche an. Wir stiegen aus und starrten in die Richtung in welcher wir das Gebirge, diesen gewaltigen Berg doch erst noch gesehen hatten. Nichts.
Der Zwerg stand auf der Kreuzung, die vor uns lag, und lachte!
«Habe ich es nicht gesagt?» feixte er, «Aber Ihr habt meinen Worten nicht vertraut! Auch Euer zweiter Sohn nicht. Der ist eben erst hier vorbeigeritten und ward so hochmütig wie Euer Ältester vordem. Ich weiss nicht, ob’s an der Grösse liegt. So hoch zu Ross und ich ein Zwerg?»
«Und?», die Stimme der Königin zitterte.
«Ja was wohl? Er wollte meinen Rat nicht hören. Im Gegenteil, er hat mich verhöhnt.»
«Und?»
«Ja, da habe ich den arroganten Kerl kurzerhand verwünscht. Jetzt steckt er fest, der Narr!»
Liebe Kathrin. So habe ich mir meinen Aufenthalt im Märchenland nicht vorgestellt. Ich wollte doch einfach auf der hölzernen Bank unter dem Apfelbaum sitzen, womöglich mit einem Kissen im Rücken, die laue Luft geniessen, den Duft von Yasmin, Rosen und frisch geschnittenem Gras einatmen, mich über die fröhlich spielenden Kinder erfreuen, die hier herumtollen, die Pferde draussen auf der Koppel wiehern hören und jeweils nachmittags oder abends, wenn hier alle versammelt sind, um ausgiebig zu dinieren und zu schlemmen, in aller Ruhe ein Märchen erzählen. Das war doch der Plan.
Ich weiss schon, was du sagen wirst: So war es nie.
Du hast Recht. Es kam immer anders.
Aber jetzt? Keine fröhlich spielenden Kinder, keine singenden Mägde, keine scherzenden Knechte. Kein fröhliches Klappern von Geschirr in der Küche. Nur Hermes scheint gut gelaunt, weiss der Teufel weshalb. Nein, sonst herrscht dumpfe Niedergeschlagenheit. Keine Märchenerzählzeit.
Der König liegt sterbenskrank in seiner Kammer. Der Arzt besucht in jeden Morgen. Atari hat das Schloss auf der Suche nach dem Lebenswasser vor Tagen verlassen. Oder sind es bereits Wochen? Desgleichen die weisen Weiblein. Die Königin schwirrt mit Leichenbittermiene herum, was unheimlich ist, denn niemand weiss, wo sie sich gerade aufhält, ob sie plötzlich um eine Ecke kommt und einem zu Tode erschreckt.
Magdalena braut ab und zu Tee aus diesem sagenumwobenen Heilkraut, das im Gewürzgarten wächst, und flösst es dem König ein. Manchmal soll die Königin sogar selbst Hand anlegen, wie an jenem verhängnisvollen Tag, als ihr Gatte plötzlich sterbenskrank wurde.
Ich liege in der frühlingshaft üppig blühenden Wiese ausserhalb der Schlossmauern. Ja, frühlingshaft. Ich erkenne blühende Glockenblümchen, Witwenblumen und Flockenblumen, tiefgelben Wundklee zwischen all den aufstrebenden Gräsern, dazwischen – gleich purpurner Sprenkel – Kartäusernelken. Die wilden Rosen an der Schlossmauer blühen in allen Tönen von Weiss über zartem Rosa, zu kräftigem Rosarot bis hin zu dunklem Purpur. Darunter Beete mit Immenblätter, Heidenelken, dem imposanten Diptam, im Unterwuchs Steinnelken und Feldthymian. Warum nur alles Rosatöne, frage ich mich und schliesse die Augen.
Ich höre das Gesumme von Bienen, die sich an den unzähligen Blüten laben. Höre den zwitschernden und singenden Vögeln zu, lausche dem Zirpen der Grillen und Heuschrecken.
Links neben mir sitzt Anette immerzu schweigend und näht an etwas Weissem, rechts neben mir Hermes, einen Grashalm im Munde kauend. Ich gleite in einen dösenden Halbschlaf.
«Weshalb ist es Frühling?», spreche ich vor mich hin, «Wir waren ja nur sechs Tage weg und es war Herbst?»
«Ihr müsst Euch nicht wundern!», erklärt Hermes, «Hier kümmert sich keiner um die Jahreszeiten noch den Lauf der Zeit!»
«Das ist doch Unsinn. Gestern noch habe ich die Weinbauern gesehen, wie sie die Traubenernte einbrachten!»
«Ja und? Was seht Ihr heute?»
«Die Reben entfalten die ersten zarten, grünen Blättchen!», ich setze mich wieder auf.
«Da seht Ihr es. Gestern kann es Herbst sein, heute Frühling.»
«Und der Wein? Der muss doch in den Fässern reifen?»
«Der reift in einer Nacht, wenn es sein muss!»
«Wie anstrengend!», ich lege mich wieder hin. Zu schön ist diese Ruhe.
«Wo ist Atari?», fragt mich da auf einmal Dana. Ich habe sie nicht kommen hören.
«Atari?»
«Ja, Atari, mein Bruder! Er ist nun schon seit Wochen unterwegs!»
«Ja, seht Ihr etwas?», das ist jetzt Magdalena, die sich ebenfalls zu mir hingeschlichen hat.
«Fragt sich nur wann!»
«Du sprichst in Rätseln», das ist jetzt Berta, die mich mütterlich duzt.
«Ja, wenn in einer Nacht Wochen vorbeiziehen können, dann fragt sich doch wahrlich, wann Atari wo war!», überlege ich laut.
«Beginnt doch einfach an jenem Punkt, wo er sein schwarz-weiss geschecktes Pferd gesattelt und beladen hat und das Schloss verliess», rät Lara.
«Oh, ja! Ich möchte wissen, welche Abenteuer Atari erlebt!», freut sich Lahja.
Ich lege mich wieder hin, schliesse die Augen und lasse mich von der Frühlingssonne wärmen.
«Er war zuerst bei den Itschen!»
«Bei den Itschen?», Dana verdreht ungläubig die Augen, «Sollten die Itschen etwa auch das Wasser des Lebens besitzen? Wie den Teppich und den Ring?»
«Nein, dann wäre Atari längst zurück!», schlussfolgert Lara.
«Wollt Ihr die Märchenerzählerin nicht erzählen lassen?», das ist der alte Mann, der sich nun ebenfalls etwas mühevoll zu uns auf die Wiese setzt.
«Halt!», das ist nun auch Lio, der angerannt kommt, «Erzählst du etwa etwas?»
«Ja, sei still und setz dich zu uns. Sie erzählt, was mit Atari geschah», flüstert Lahja.
«Die Märchenerzählerin erzählt und niemand weiss davon?», Lio kann es nicht fassen.
«Wir sind nicht niemand!», ereifert sich Dana.
«Lio hat recht», sagt Magdalena und erhebt sich, «Jetzt rufen wir die anderen und holen ein feines Picknick. Speis und Trank, das muss sein!», sagt’s und schon schwirren alle weg, alle ausser Anette, die ihre Näharbeit wieder aufnimmt und Hermes, der vergnügt vor sich hin summt.
Ich lege mich wieder hin, schliesse die Augen und horche den Mauerseglern, die pfeilschnell durch die Lüfte fliegen, laute Pfiffe ausstossen.
Es ist tatsächlich verrückt mit der Zeit hier, liebe Kathrin. Das ist mir früher nicht aufgefallen. Denn kaum habe ich die Augen zugetan, kaum ist buchstäblich ein Augenblick herum, als Lio und die anderen davongerannt sind um Speis und Trank zu holen, da sind sie bereits alle wieder hier, um mich versammelt. Körbe mit Brötchen und Küchlein mache ich aus, Flaschen mit Wein und Wasser.
«Die Itschen!», hilft mir Dana, den Faden erneut aufzunehmen, «Atari war bei den Itschen.»
«Ja, Atari hat die Falltür geöffnet, ist die steile Treppe hinuntergestiegen, wo die dicke Itsche ihn bereits erwartet hat.»
«Die schönste Braut, wie dein Vater gewünscht hat, hättest du erhalten, hier und heute. Eine Kutsche obendrein, auch Diener und Kammerjungfern. Das muss nun warten. Aber das Wasser des Lebens musst du ohne uns suchen. Kopf hoch! Geh nur immer geradeaus. Wir werden dich am Ende deiner Reise erwarten!»
«Atari tat, wie ihn die dicke Itsche geheissen hatte. Er müsse immer strickt geradeaus reiten, niemals abbiegen, wenn er das Wasser des Lebens finden wolle.
Immer geradeaus. Das war gar nicht so leicht. Was bedeutet es denn? Vom Schloss her gesehen gab es nur eine Strasse, die geradewegs ins Tal führt, aber dann eine Rechtskurve macht. Doch Atari liess sich nicht beirren. Er galoppierte hoch zu Ross an der Wegbiegung angekommen geradewegs über die Frühlingswiesen, trabte durch Wäldchen wo Elfenkrokusse, Blausterne, Lerchensporne und Hyazinthen in Fülle blühten. Immer geradeaus...»
«Die Itschen!», unterbricht mich Dana.
«Still jetzt! Wir wollen hören, wie es Atari auf seiner Suche ergangen ist!», schilt Lara ihre jüngere Schwester.
«Doch! Die Itschen!», beharrt Dana, steht auf und läuft gebückt über die Wiese.
«Suchst du was?», erkundigt sich nun Lahja, erhebt sich ebenfalls und tut es ihrer älteren Schwester gleich.
«Ja, hier muss doch irgendwo die Falltür sein!»
Und schon suchen die drei Prinzessinnen die Wiese nach der Falltür ab.
«Die Itschen sind längst abgereist!», ruft jetzt Magdalena zur Überraschung aller, «Sie sind abgereist und habe ihre Türe – ja, wie soll ich sagen – verschlossen? Auf jeden Fall wächst jetzt Gras und Kraut darüber.»
«Woher weisst du das?», tönt es von allen Seiten.
««Ich war einmal – nein, nicht irgendeinmal. Es war am Abend jenes Tages, als Atari sein Pferd gepackt und davongeritten ist. Ich war an jenem Abend noch lange in der Küche beschäftigt. Just als ich den letzten Topf gereinigt hatte, kam eine dicke Kröte in die Küche und hat mich gefragt, wo all die Kürbisse hingekommen seien, all jene, die sonst im Gemüsegarten lägen. Die sind geerntet, habe ich der Kröte erklärt, aber eine grosse liege noch in der Vorratskammer. Ich habe den grossen Kürbis geholt und ihn gleich bis hierhergetragen, auf die Wiese, wo die Falltür offenstand. Erst jetzt ist mir klar geworden, dass die vermeintliche Kröte die dicke Itsche war. Die Kröte – äh, ich meine natürlich die Itsche – hat sich jedenfalls bedankt, hat mir sogar ein goldenes Ringlein geschenkt, hat dreimal gepfiffen und sechs Mäuse kamen angetrabt. Die spannte die Itsche vor den Kürbis. Dann hat die Itsche nochmals laut gepfiffen und die kleinen Itschen sind die Stiege zur Wiese heraufgehüpft. Und ehe ich mich versah, hat sich der Kürbis zu einer schönen, königlichen Kutsche verwandelt, die Mäuse zu Pferden, die kleinen Itschen waren Prinzessinnen und Prinzen, Kammerjungfern und Mägde, die dicke Itsche wiederum eine aussergewöhnliche schöne Königin. Die ganze Schar ist in die Kutsche eingestiegen und davongefahren. Ja, so hat es sich zugetragen, so wahr ich hier stehe. Und wenn ich am nächsten Tag nicht dieses goldene Ringlein am Finger vorgefunden hätte», sie streckt uns ihren Ringfinger hin, an welchem tatsächlich ein schlichtes, goldenes Ringlein steckt, «hätte ich geglaubt, ich hätte alles nur geträumt.»
«Wohin ist die Kutsche gefahren?», frägt Lio Magdalena.
«Wie soll ich das wissen?», gibt sie zur Antwort, «Ich sah die Kutsche davonfahren. Weiter weiss ich nichts!»
«Wohin ist die Kutsche gefahren?», frägt nun Dana mich.
«Wie soll ich das wissen?», gebe ich zur Antwort, «Ich war an jenem Abend weder in der Küche noch hier auf der Wiese.»
«Du bist doch die Märchenerzählerin! Du solltest es wissen!», rügt mich Lio.
«Ja, willst du denn nicht erfahren, wie es Atari ergangen ist?»
«Ich will beides erfahren!», kontert Lio.
So schliesse ich einen Moment die Augen und nehme den Faden auf. Den Faden, den die Itschen gesponnen haben.
«Nun denn. Die dicke Itsche, die ja eine Königin ist, hat den Kutscher angewiesen, schnell zu fahren, sie müssten vor Atari im Schloss sein...»
«Ah! Oh! Wie denn! Was denn!», tönt es überrascht von allen Seiten.
«Ja, so jedenfalls hatte die Königin den Kutscher angewiesen», fahre ich unbeirrt weiter, «Und den Prinzessinnen und Prinzen erklärte sie, sie habe zwar Atari angewiesen, immer geradeaus zu reiten, so werde sein Ritt wohl oft querfeldein gehen und deshalb verlangsamt. Doch sie müssten sich unbedingt beeilen, um unter allen Umständen vor Atari im verzauberten Schloss einzutreffen. Sie würde noch etwas zaubern, ein Hindernis vielleicht, Räuber, die Atari auflauern. Aber da begehrten die Prinzessinnen und Prinzen auf. Atari dürfe auf keinen Fall etwas zustossen. Nun, nach zwei Tagen Fahrt kamen sie zum Schloss. Gerade noch rechtzeitig...»
Es ist anstrengend, liebe Kathrin, wenn du in einem Erzählfluss bist, wenn der Verlauf, welcher ein Märchen nimmt, gleich einem roten Teppich ausgebreitet vor dir liegt, und dann erblickst du einen zweiten Weg, der zwar erst in deinem Kopf herumspuckt, aber dich beim Dahinschreiten behindert, und in demselben Augenblick wird dir zudem klar, dass da noch ein dritter Weg gnadenlos von dir fordert, dass du auch diesen zu begehen hast. Das ist der Grund, weshalb ich jetzt stocke, den Überblick verloren habe.
«Kunstvoll, wie Ihr die Fäden der beiden Märchen verflechtet!», flüstert mir Hermes schelmisch lächelnd zu, «Ja, macht kein so überraschtes Gesicht! Habt Ihr damals, als ihr mit mir in der Kutsche hierhergereist seid, nicht diese beiden Märchen genauer angeschaut und Euch für eines dieser beiden entscheiden wollen? Wie ich schon sagte, es ist eine Kunst, aus zweien eines zu machen. Ach, habe ich Euch erschreckt? Erschreckt nicht. Es wird schon gut kommen. Jetzt fasst Euch und erzählt weiter. Ende gut, alles gut. So sagt man doch!»
Ich räuspere mich und erzähle weiter.
«Atari ritt immerzu geradeaus über Stock und Stein, durch kleine Wäldchen, bis er – als es gerade eindunkelte – zu einer Hütte gelangte. Er stieg vom Pferd, liess es in der kleinen Lichtung weiden, nahm Proviant aus den Satteltaschen und machte es sich auf der Bank vor der Hütte gemütlich.
Doch kaum war er satt, hörte er ein Rauschen. Sechs Schwäne kamen herangeflogen, was ihn sehr verwunderte. Die Schwäne setzten sich vor ihn auf den Weg, bliesen einander an und bliesen sich alle Federn ab, und ihre Schwanenhaut streifte sich ab wie ein Hemd. Sechs Jünglinge standen vor dem verdutzten Atari.
“Wir sind in Schwäne verzauberte Prinzen und können nur eine Viertelstunde jeden Abend unsere menschliche Gestalt annehmen“, erklärte einer der Jünglinge Atari.
“Könnt Ihr denn nicht erlöst werden?“, fragte Atari.
“Das hat uns auch unsere Schwester vor langer Zeit gefragt!“, gab ihm ein zweiter Jüngling zur Antwort.
“Und?“
“Es sei zu schwierig, haben wir ihr geantwortet. Doch sie liess nicht locker, bis wir ihr erklärt hatten, was zu tun ist!“, das war der dritte der Jünglinge.
“Und? Erlöst sie Euch?“
“Ja! Bald ist es so weit. Bald werden sechs Jahre vorbei sein und sie wird ihre Aufgabe vollendet haben“, so der vierte.
“Doch nur um zu plaudern sind wir heute Abend nicht hierher geflogen!“, so der fünfte.
“Wir wollten Euch warnen, denn Ihr müsst jetzt von hier fliehen. Diese Hütte gehört Räubern. Bald werden sie eintreffen und Euch erstechen!“, so der sechste.
“Ich kann mich wehren. Ich bin im Schwertkampf ausgebildet und habe mein Schwert bei mir! Ihr braucht Euch nicht um mich zu fürchten“, wollte Atari die sechs Brüder beruhigen.
“Die Räuber sind in der Überzahl und im Kampf sehr wohl erfahren. Sattelt Euer Pferd und reitet weiter, eine Stunde oder zwei. Übernachtet im Freien, möglichst im dichten Gestrüpp. Die Hütten in dieser Gegend sind meist Räuberhöhlen!“, riet wiederum der erste.
“Jetzt ist unsere Zeit vorbei!“, warnte der zweite.
Und schon verwandelten sich die sechs Prinzen in Schwäne und flogen davon.»
«Hilfe, helft mir! Anette ist ohnmächtig geworden!», erklingt der bestürzte Ruf Danas.
Ja, Anette liegt im Gras, die Augen geschlossen. Schläft sie?
«Sie schläft doch nur!», das war Magdalena.
«Nein, sie sass da, tat einen Seufzer und ist dann zusammengesunken. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen», widerspricht ihr Dana.
«Lasst mich durch!», Berta drängt sich zwischen den Schaulustigen hindurch, die einen Ring um die Ohnmächtige gebildet haben, zückt ein Fläschchen und hält es Anette unter die Nase. Anette schlägt verblüfft die Augen auf und schlägt sich an den Mund, als müsste sie sich zum Schweigen bringen.
«Bringt ein Kissen und eine Decke!», weist Berta eine der Umstehenden an, «Und du, Lio, hol ein Tässchen mit Hühnersuppe!» Lio eilt davon.
«Sie hat schon viele, die bereits mit einem Bein im Grab standen, mit ihrer sagenhaften Hühnersuppe zurückgeholt», flüstert mir Hermes, der neben mir steht, erklärend zu.
«Das hier ist wirklich nicht zum Scherzen!», tadle ich ihn.
«Mir ist nicht zum Scherzen! Ich habe es oft beobachten können. Hühnersuppe ist ein altbewährtes Mittel, um die Lebensgeister zu wecken, schaut mich nicht so ungläubig an! Hühnersuppe wirkt nämlich entzündungshemmend, weil sie die Aminosäure Cystein enthält, stärkt das Immunsystem, dies wegen des Zinks- und L-Carnitin-Gehalts. L-Carnitin ist wiederum eine Verbindung der Aminosäuren Methionin und Lysin. Die Hühnersuppe wirkt einem Flüssigkeitsverlust entgegen – Hydration nennt Ihr es vermutlich – lässt die oberen Atemwege abschwellen, was bei Schnupfen hilfreich ist. Sie ist leicht verdaulich, was bei Verdauungsbeschwerden günstig ist, und liefert Kalorien und Nährstoffe», doziert Hermes mit ungerührter, schier starrer Mine, «Und ist deshalb ein bewährtes Mittel bei Grippe, Erkältungen und allgemeinen Schwächezuständen!»
Ich schaue ihn entgeistert an.
«Ha, es ist doch immer eine Freude, Euch aus der Fassung zu bringen! Aber im Ernst. Schaut nur: Anette geht es deutlich besser. Sie hat sich bereits wieder aufgesetzt, ihre Wangen sind leicht gerötet und sie knabbert ein Kipferl!», mit einem tadelnden Blick zu mir: «Ihr müsst sie arg erschreckt haben. Weshalb nur habt Ihr die Szene mit den Schwänen eingeflochten! Nein, nein. Ihr müsst nicht so entsetzt dreinschauen, ich mache nur einen Spass!», und mit einer Verbeugung und einer Geste, als würde er einen imaginären Hut lüpfen, «Wenn Ihr bereit seid, dann könntet Ihr das Märchen weitererzählen, oder braucht Ihr vielleicht ein Tässchen Hühnersuppe zur Stärkung?», er schaut mich schief an, «Oder zieht Ihr vielleicht ein Glas Cognac vor?», greift sich mit gespielter Verzagtheit an den Kopf, «Nein, ich Tölpel, nicht Cognac, sondern Armagnac heisst das Zauberwort.»
Er dreht sich um, hat nun tatsächlich einen grossen grünen Hut mit Feder auf dem Kopf, zückt diesen, winkt damit in die Runde und ruft laut: «So Ihr Herrschaften, Prinzessinnen, Kammerjungfrauen, Küchenmägde, Stallknechte und so weiter! Anette geht es so weit gut. Somit können wir uns wieder hinsetzen, der Märchenerzählerin lauschen und hören, wie es Atari auf seiner Reise – oder vielmehr auf seiner Suche – nach dem Wasser des Lebens ergangen ist! Ja, eh ich’s vergesse», Hermes verbeugt sich nun vor Berta, Magdalena und den Küchenmägden, «Ein herzliches Dankeschön der fleissigen Küchenmannschaft, die wie immer für Speis und Trank gesorgt hat!»
Liebe Kathrin. Immer diese Unterbrechungen! Ich weiss kaum mehr, was ich zuletzt erzählt habe. Nicht wo Atari jetzt steckt. Mein Gedankenfluss ist durch die Geschehnisse und die Ablenkungen versickert. Wie ein Rinnsal in der Wüste Gobi.
«Muss ich Euch helfen, den Faden wieder aufzunehmen?», ich scheine für Hermes ein offenes Buch zu sein. «Die Räuberhütte?», flüstert er mir zu, «Doch nennt die Schwäne nicht!»
«Ich muss die Schwäne erwähnen. Sie haben sich in die Geschichte hineingeschlichen und bleiben deren festen Bestandteil!», entgegne ich ihm leise.
Ich schaue zu Anette, die gedankenverloren in die Ferne guckt. Ich behalte sie fest im Auge und beginne erneut.
««Atari tat, wie ihn die Schwäne geheissen hatten. Er übernachtete im Freien und mied jegliche Hütten. Er ritt weiter, immer geradeaus, wie die Itschen ihn unterwiesen hatten. Erst tief in der Nacht schlug er ein behelfsmässiges Lager auf und frühmorgens sattelte er bereits wieder sein schwarz-weiss geschecktes Pferd.
Gegen Mittag gelangter er zu einer breiten Handelsstrasse, auf der er einige Zeit reiten konnte. Da überholte ihn jählings ein Sechsspänner mit einer so hohen Geschwindigkeit, dass sein Pferd einen überraschten Sprung auf die Seite machte, so dass Atari beinahe vom Pferd gefallen wäre.»
«Das waren die Itschen!», ruft Dana dazwischen.
«Ja, das waren vielleicht die Itschen, die sich ja auf dem Weg zum verwunschenen Schloss befinden oder befanden», nehme ich den Faden wieder auf.
Atari ritt unbeirrt weiter geradeaus. Als die breite Handelsstrasse einen Bogen beschrieb, ritt er wieder querfeldein. So lange, bis er an einen See gelangte, wo Enten und Schwäne herumschwammen oder kopfüber Nahrung suchten.
Geradeaus? Der See versperrte ihm den Weg. Da war guter Rat teuer.
Als er sich etwas ratlos umguckte, kam ein Zwerg auf ihn zu. “Wohin des Weges, junger Prinz?“, begrüsste er diesen freundlich.
“Ach, ich soll immer geradeaus reiten, hat mir die dicke Itsche geraten. Doch hier komme ich nicht weiter. Der See ist zu tief, ich kann nicht schwimmen und eine Barke sehe ich nirgends.“
“Ja, aber weshalb musst du geradeaus reiten?“
“Auf diesem Wege würde ich das Wasser des Lebens finden, hat die Itsche mir gesagt. Ihr müsst wissen, mein Vater ist sterbenskrank und nur das Wasser des Lebens wird ihn retten!“
“Da kann ich dir weiterhelfen, junger Mann, ich weiss nämlich, wie du an das Wasser des Lebens gelangst. Ich helfe dir gerne, denn du warst freundlich zu mir, nicht überheblich, wie deine falschen Brüder. Nun denn: Das Wasser, das du suchst, quillt aus einem Brunnen im Hofe eines verwünschten Schlosses, aber du dringst nicht hinein, wenn ich dir nicht eine eiserne Rute gebe und zwei Laibe Brot. Mit der Rute schlag dreimal an das eiserne Tor des Schlosses, so wird es aufspringen: inwendig liegen zwei Löwen, die den Rachen aufsperren, wenn du aber jedem ein Brot hineinwirfst, so werden sie still, und dann eile dich und hol von dem Wasser des Lebens, bevor es zwölf schlägt, sonst schlägt das Tor wieder zu und du bist eingesperrt. Reite getrost um diesen See herum. Dieser See gehört nämlich bereits zum verwünschten Schloss, das sich auf der anderen Seite befindet.“
Atari bedankte sich höflich, schenkte dem Zwerg ein Stück der feinen Panforte, die ihm Lio eingepackt hatte, nahm die Rute und die beiden Brote und machte sich auf den Weg.»
Panforte. Immer diese kulinarischen Köstlichkeiten, die sich husch, husch in das Märchen schleichen. Mir knurrt der Magen.
Ach! All diese köstlichen Gerichte und Kuchen, welche man sogar auf Reisen mitnahm – Panforte – ich merke, wie mir nach allerlei Leckerem gelüstet. Aber was soll's. So nehme ich den Faden mit knurrenden Eingeweiden wieder auf...
«Atari galoppierte mit seinem Ross um den See herum, wie ihn der Zwerg geheissen hatte, und gelangte in einen wunderschönen Park mit exotischen Blumen, wie er sie noch nie gesehen hatte. Vögel gab es zudem mit bunten Federn, die eigenartige Laute von sich gaben, auch solche hatte er noch nie gesehen. Verwundert schaute er sich um und entdeckte endlich das Schloss. Es war genauso wie der Zwerg ihm gesagt hatte. Das Tor des Schlosses sprang beim dritten Rutenschlag auf, und als er die Löwen mit dem Brot gesänftigt hatte, trat er in das Schloss und kam in einen grossen schönen Saal: darin sassen verwünschte Prinzen, die sich nicht bewegten, denen zog er die Ringe vom Finger, dann lag da ein Schwert und ein Brot, das nahm er mit. Und weiter kam er in ein Zimmer, darin stand eine schöne Jungfrau, die freute sich, als sie ihn sah, küsste und herzte sie ihn und sagte, er hätte sie erlöst und sollte ihr ganzes Reich haben, und wenn er im vollen Frühling zurückkäme, so sollte ihre Hochzeit gefeiert werden. Dann sagte sie ihm auch, wo der Brunnen wäre mit dem Lebenswasser, er müsse sich aber eilen und daraus schöpfen, eh es zwölf schlüge. Da ging er weiter und kam endlich in ein Zimmer, wo ein schönes, frischgedecktes Bett stand, und weil er müde war, wollte er erst ein wenig ausruhen. Also legte er sich hin. Beim Einschlafen kam ihm ein Gedanke. Es dünkte ihn nämlich, als würde er die schöne Jungfrau schon lange kennen. Sie hatte die angenehme Stimme der Itsche, die ihm den Teppich und den Ring geschenkt hatte. Er nahm sich vor, sie danach zu fragen. Dann schlief er tief und fest ein und vergass, was er zuvor gedacht hatte.
Als er erwachte, schlug es dreiviertel auf zwölf. Da sprang er ganz erschrocken auf, lief zu dem Brunnen und schöpfte daraus mit einem Becher, der danebenstand, und eilte, dass er fortkam. Wie er eben zum eisernen Tor hinausging, da schlug’s zwölf, und das Tor schlug so heftig zu, dass es ihm noch ein Stück von der Ferse wegschlug.»
«Aua!», ruft Lahja erschrocken dazwischen, «Blutet er?»
«Ja, er blutete heftig. Er setzte sich auf den Boden, legte den Becher mit dem Wasser des Lebens, das Brot und das Schwert, das er ebenfalls aus dem Schloss mitgenommen hatte, neben sich hin und sah sich den Schaden an seinem Fuss an», nehme ich den Faden wieder auf.
“Was bin ich doch ein Tölpel! Weshalb habe ich mich in das blöde Bett gelegt!“, schalt er sich selbst.
Das eiserne Tor hatte bei seiner Ferse den ledernen Stiefel durschnitten und – wie gesagt – auch den hinteren Teil der Ferse erwischt.
“Und, wie kommst du jetzt von hier fort? Du Witzbold?“, ärgerte er sich über sich selbst, und zog sich den beschädigten Stiefel aus, “Ja, ja, vielleicht haben meine Brüder recht, wenn sie dich hänseln, ich bin und bleibe ein Dummkopf!“
“Ja, du warst wahrlich ein Tölpel“, sprach da auf einmal eine weibliche Stimme neben ihm. Und wie er aufschaute, erblickte er die drei Weisen Weiblein.
“Wo kommt Ihr denn so plötzlich her?“, wunderte sich Atari laut.
“Aus dem Land der Träume“, antwortete das Weiblein mit der dicken Lippe.
“Aus dem tiefsten Schlaf hast du uns gerissen. Jawohl. Aber als wir deine Not erkannten, sind wir dir zu Hilfe geeilt“, erklärte das Weiblein mit dem dicken Daumen.
“Ohne uns würde die Geschichte ein böses Ende nehmen!“, erklärt dasjenige mit dem dicken Fuss.
Und sie deklamieren vor dem zunehmend entsetzten Atari, was alles geschehen könnte:
“Sieh nur deine blutige Ferse an. Sie ist bereits verschmutzt!“, so eines der Weiblein.
“Bald wird sie sich entzünden!“, die zweite.
“Fieber würde dazu kommen. Du würdest schwach und schwächer, könntest dich kaum noch im Sattel halten!“, so die dritte.
“Du würdest vom Pferd fallen!“, wiederum die erste.
“Aus Verzweiflung würdest du zuletzt das Wasser des Lebens trinken!“, so die zweite.
“Dann wäre deine ganze Reise hierher vergebens gewesen!“, erklärt die dritte.
“Oh mein Gott!“, entfährt es dem bestürzten Atari, “was ist zu tun?“
Da nahm das Weiblein mit dem dicken Fuss eine Salbe aus einer ihrer zahlreichen Taschen ihres Gewandes, und bestrich damit die blutige Wunde. Augenblicklich versiegte das Blut und – oh Wunder! – die Ferse ward blitzartig geheilt.
Das Weiblein mit der dicken Lippe begutachtete den Stiefel, schüttelte unwirsch den Kopf und sprach: “Da müssen neue her. Dieser hier taugt zu nichts mehr. Du hast einen langen Heimweg vor dir. Ja, wundere dich nicht darüber. Zwar bist du nun erst zwei Tage unterwegs, doch deine Heimreise wird um einiges länger dauern. Aber keine Angst. Die Heimreise kann so lange dauern, wie sie will, du wirst deinem Vater das Wasser des Lebens rechtzeitig bringen.“
“Und hüte dich vor deinen Brüdern. Denn sie haben Böses mit dir vor!“, warnte ihn das Weiblein mit dem dicken Daumen.
“Hier hast du neue Stiefel“, sagte das Weiblein mit der dicken Lippe und zog aus einer ihrer zahlreichen Taschen ihres Gewandes neue Stiefel aus glänzend braunem Leder hervor, “Dein Schwert kannst du hierlassen, das wird dich nur behindern. Das Schwert aus dem Schloss jedoch wird dir um einiges nützlicher sein.“
“Wir wünschen dir alles Gute! Doch hüte dich vor deinen Brüdern!“, warnte ihn erneut die Weise mit dem dicken Daumen.
“Er wird deinen Rat in den Wind schlagen!“, seufzte das Weiblein mit dem dicken Fuss und mit diesen Worten verabschiedeten sich die drei Weisen Weiblein, das ausgediente Schwert nahmen sie mit.
Atari freute sich, dass er so glimpflich davongekommen war und freute sich noch viel mehr, als er den Becher mit Wasser des Lebens sicher in der Satteltasche seines Pferdes verstaut hatte, desgleichen das Brot aus dem Schloss. Das Schwert steckte er in die Scheide seines alten Schwertes. So ritt er zurück. Immer geradeaus, nur jetzt in der entgegengesetzten Richtung, zuerst durch den Park des Schlosses, bis er zum See gelangte, wo nach wie vor Enten und Schwäne gründelten, dann um den See herum, wo ihn bereits der Zwerg erwartete.
Als dieser das Schwert und das Brot sah, sprach er “Damit hast du grosses Gut gewonnen, mit dem Schwert kannst du ganze Heere schlagen, das Brot aber wird niemals all.“
Der Prinz wollte ohne seine Brüder nicht zu dem Vater nach Haus kommen und sprach “Lieber Zwerg, kannst du mir nicht sagen, wo meine zwei Brüder sind? Sie sind früher als ich nach dem Wasser des Lebens ausgezogen und sind nicht wiedergekommen.“
“Zwischen zwei Bergen stecken sie eingeschlossen“, sprach der Zwerg, “dahin habe ich sie verwünscht, weil sie so übermütig waren. Übermütig und flegelhaft und ungezogen.“
Da bat der Prinz so lange, bis der Zwerg versprach, seine beiden Brüder loszulassen, aber er warnte ihn und sprach: “Hüte dich vor ihnen, sie haben ein böses Herz.“
«Meine Brüder haben kein böses Herz, das ist eine Lüge!», fällt mir eine empörte Dana ins Wort.
«Meine Brüder haben kein böses Herz, das ist eine Lüge!», ja, so hat Dana ihre beiden Brüder Nahuel und Miro in Schutz genommen und mich aus dem Takt gebracht.
«Pst, das ist doch nur ein Märchen!», flüstert ihr Lara zu.
«Das ist kein Märchen! Unser Vater liegt todkrank in seiner Kammer. Atari bringt ihm nun das Wasser des Lebens, damit er wieder gesund wird. Darüber darf man sich nicht lustig machen!», entgegnet Dana.
«Vielleicht irrt sich ja der Zwerg», wirft nun Lio ein.
«Wollen wir nicht weiter hören, was sich zugetragen hat?», beschwichtigt Magdalena alle beide.
So nehme ich den Faden wieder auf, obwohl ich laut “nein!“ schreien möchte. Nein, ich möchte nicht weitererzählen. Nicht erzählen, wie Atari nun seinen Brüdern begegnet und was danach geschieht. Nein, ich möchte Atari am liebsten nochmals bei der Hütte vorbeigehen, die Schwäne nochmals herbeifliegen lassen, damit sie ihm mehr über ihre Verwandlung und allem, was damit zusammenhängt, erzählen. Einzig und allein damit ich endlich weiss, was sich da zugetragen hat.
Hermes, der nach wie vor mir gegenübersitzt, schaut mich verschmitzt lächelnd an: «Ich kann Euch weiterhelfen, später. Vielleicht kenne ich die Antworten, die Ihr ersehnt!»
Ich seufze, möchte Hermes am Ärmel packen, ihn mitreissen, weg von den Wartenden. Ich ahne, dass seine Antworten wichtig sein müssen.
Hermes scheint sich über meine Ungeduld köstlich zu amüsieren. Er reibt sich nachdenklich am Kinn und sagt dann zögernd, «Nun. Ähm. Es könnte aber auch sein, dass Ihr unerwartete Antworten finden werdet, wenn Ihr Euren Faden geduldig weiterspinnt!»
Ich seufze nochmals. Ich kann hier nicht weg. Aller Augen schauen mich erwartungsvoll an. Nun denn.
«Noch während Atari mit dem Zwerg verhandelte, kamen seine Brüder. Oh, wie freute er sich und erzählte ihnen, wie es ihm ergangen wäre, dass er das Wasser des Lebens gefunden, einen Becher voll mitgenommen und eine schöne Prinzessin erlöst hätte, die auf ihn warten wolle, bis er wieder zurückkäme, dann sollte Hochzeit gehalten werden, und er bekäme ein grosses Königreich.
Sie ritten zusammen weiter und gerieten in ein Land, wo Hunger und Krieg war, und der König glaubte schon, er müsste verderben, so gross war die Not. Da ging der Prinz zu ihm und gab ihm das Brot, dass er im verzauberten Schloss gefunden und mitgenommen hatte. Der König konnte damit sein ganzes Reich speisen und sättigen. Danach gab ihm der Prinz auch das Schwert, damit schlug der König die Heere seiner Feinde und konnte nun in Ruhe und Frieden leben. Da nahm der Prinz sein Brot und Schwert wieder zurück, und die drei Brüder ritten weiter.
Sie kamen aber noch in zwei Länder, wo Hunger und Krieg herrschten, und da gab der Prinz den Königen jedes Mal sein Brot und Schwert, und hatte nun drei Reiche gerettet. Und danach setzten sie sich auf ein Schiff und fuhren übers Meer.
Während der Fahrt, da sprachen die beiden ältesten unter sich: “der Jüngste hat das Wasser des Lebens gefunden und wir nicht, dafür wird ihm unser Vater das Reich geben, das uns gebührt, und er wird unser Glück wegnehmen.“
Da wurden sie rachsüchtig und verabredeten miteinander, dass sie ihn verderben wollten. Sie warteten, bis er einmal fest eingeschlafen war, da gossen sie das Wasser des Lebens aus dem Becher und nahmen es für sich, in seinen Becher aber gossen sie bitteres, salziges Meerwasser hinein.
Wie sie wieder an Land waren, gerieten sie in einen grossen, beinahe undurchdringlichen Wald. Tagelang ritten sie immerzu hindurch und kamen doch nicht an sein Ende. Es wurde ihnen zunehmend unheimlicher zumute. Dazu kam, dass der Wald stellenweise so dicht war, dass sie den Himmel kaum noch sehen und sich nicht mehr am Stand der Sonne orientieren konnten.
“Warum nur dauert unsere Heimreise so lange?“, fragte Nahuel, «Wir sind doch kaum einen Tag geritten, bis wir den Zwerg trafen. Jetzt aber haben wir drei Königreiche durchquert, sind übers Meer gefahren und nun reiten wir seit Tagen durch einen unendlich grossen Wald?»
“Wir müssen uns gänzlich verirrt haben!“, Miro schien recht verzagt.
“Ja, es scheint mir auch verrückt!“, liess sich Atari vernehmen, “Doch die drei Weisen Weiblein haben mir vorausgesagt, dass die Heimreise viel länger dauere als zwei, drei Tage.“
“Die Reise darf nicht mehr viel länger dauern. Wir sollten längst zurück sein, sonst stirbt unser Vater! Dann war alles umsonst!“, das war Nahuel.
“Auch dazu haben mir die Weisen Weiblein geweissagt: Ich müsse mir keine Sorgen machen, ich käme auf jeden Fall rechtzeitig zu Hause an.“
Da gelangten Sie endlich auf eine Lichtung und mittendrin stand ein kleines Schloss, mit grazilen Türmchen und Zinnen.
“Das Schloss hat nicht einmal eine Mauer ringsum!“, wunderte sich Miro.
“Das braucht es nicht, wenn es inmitten dieses riesigen, undurchdringlichen Waldes steht“, vermutete Nahuel.
“Kommt, lasst uns ans Tor klopfen. Vielleicht kann uns jemand sagen, wie wir aus dem Wald hinaus und nach Hause gelangen!“, schlug Atari vor.
Gesagt getan. Der Schlossherr selbst öffnete Ihnen das Tor und hiess sie eintreten mit den Worten: “Ihr müsst von weither kommen und gewiss hungrig und durstig sein. Kommt, ich lasse Euch gleich Speis und Trank auftischen. Ihr müsst jedoch entschuldigen, ich habe wenig Personal, wir werden in der Küche speisen müssen.“
Schon bald sassen sie in einer gemütlichen Küche, wo Ihnen die Küchenmagd eine kräftigende Gemüsesuppe schöpfte, dazu knuspriges Brot und süsse Butter reichte. Es dünkte die drei Brüder, sie hätten noch nie etwas Besseres gekostet. So geht es einem, wenn man lange gehungert hat.
Als sie satt waren, sagte der König: “So, jetzt müsst Ihr mir erzählen, wie Ihr hergelangt seid. Denn dieser Wald ist verzaubert und es gelingt einem nicht so leicht, hierherzukommen.“
So kam es, dass die Brüder ihm alles berichteten. Von ihrem Vater, dem unklar war, wem er das Reich vererben sollte, bis hin zu jener Stunde, da er sterbenskrank darniederlag und sie sich einer nach dem anderen auf den Weg machten, um das Wasser des Lebens zu finden. Sie erzählten ihm von ihrem langen Ritt zurück, wie sie drei Reiche, in welchen Krieg und Hungersnot herrschten, durchquerten, mit dem Schiff über ein Meer fuhren und zuletzt in diesen Wald gelangten.
“Jetzt wissen wir weder, wo wir uns genau befinden, noch wie wir aus dem Wald und zurück nach Hause gelangen“, erklärt Atari zuletzt ihr grösstes Problem.
“Da kann ich euch gerne dabei helfen!“, erwiderte der König, “Ich besitze ein Knäuel Garn, der Euch geradewegs nach Hause bringt!“
Mein Mund fühlt sich wie ausgetrocknet an. Ich nehme einen Schluck Wasser. Ich merke auch, dass ich zunehmend hungriger werde. Wie lange sitzen wir wohl schon hier auf dieser Wiese an diesem herrlichen Frühlingstag?
«Eines verstehe ich nicht», wirft Dana während dieser kurzen Unterbrechung ein, «wenn doch Atari von der verwunschenen Prinzessin ein grosses Königreich erhält, weshalb aber tauschten Nahuel und Miro das Wasser aus?»
«Weil sie neidisch sind?», das ist die kluge Lara.
«Wir müssen etwas unternehmen!», ereifert sich Dana.
«Weshalb?», wiederum Lara.
«Sie könnten jeden Augenblick zurückkehren und dann würde Atari dem Vater bitteres Meerwasser bringen!», erklärt sich Dana.
«Na und? Das ist doch kein Problem?», so Lara.
«Wir könnten sie aufhalten!», lässt sich nun auch Lahja vernehmen.
«Merkt ihr den nicht, liebe Schwestern, dass ihr ein Problem seht, wo keines ist?», das ist wiederum Lara.
«Kein Problem?», fragte Dana.
«Ja, kein Problem. Nahuel und Miro bringen das wundersame Heilmittel, das Wasser des Lebens, so oder so mit nach Hause. So wird unser Vater auf jeden Fall gesund!», erklärt Lara.
«Aber wird er denn nicht wütend, wenn Atari ihm das falsche Wasser eingeflösst hat?», so Dana.
«Ach, da mache ich mir keine Sorgen. Der Vater wird so froh sein, dass er wieder gesund und munter ist, da kann er gar nicht erst wütend werden!», beruhigt sie Lara.
«Kann die Märchenerzählerin nicht weitererzählen?», mischt sich Lio ein, «Ich möchte zu gerne wissen, was es mit diesem wundersamen Knäuel Garn auf sich hat, welches die drei Brüder nach Hause bringen soll!»
Ja, so einen Knäuel Garn hätte ich auch gerne, liebe Kathrin. Ein Knäuel, der mir den Weg durch die Geschichte zeigt. Mich jetzt wieder in die Küche zurückbringt, wo die drei Brüder, der fremde König und die Küchenmagd spät abends beieinandersitzen, und wie ich sehe, nun auch eine Nachspeise aufgetischt bekommen.
«Nun denn», beginne ich, «Ihr erinnert Euch? Die drei Brüder sitzen mit dem fremden König in der Küche...»
«Und der König hat meinen Brüdern soeben gesagt, dass er einen Knäuel Garn besitze, der sie nach Hause bringen könne», wiederholt Dana eifrig, was ich zuvor erzählt habe.
«“Ein Knäuel Garn soll uns nach Hause bringen?“, fragte ungläubig Nahuel.
“Ihr müsst wissen“, begann der fremde König zu erzählen, “Das hier ist nicht mein richtiges Schloss, von diesem hier wissen nur wenige treue Diener und Mägde. Mein richtiger Palast, von wo ich über mein Reich befehlige, liegt anderswo. Meine erste Frau ist früh gestorben. Dann kam ich auf absonderliche Weise zu einer zweiten Frau. Aber mir war nicht wohl mit ihr. Ich hatte sieben Kinder, sechs Knaben und ein Mädchen. Die liebte ich über alles. Ich hatte Angst, dass ihre Stiefmutter sie nicht gut behandeln oder ihnen gar ein Leid antun könnte, so brachte ich meine Kinder in dieses verborgene Schloss hier. Weil es aber so versteckt mitten im Wald liegt, hätte selbst ich den Weg hierher kaum gefunden. Eine Weise Frau schenkte mir einen Knäuel Garn mit der wunderbaren Eigenschaft: Wenn ich den Knäuel vor mich hinwarf, so wickelte er sich von selbst los und zeigte mir den Weg.“
“Wo sind denn die Kinder jetzt?“, erkundigte sich Miro.
“Ach, das ist eine traurige Geschichte, über die ich am liebsten gar nicht sprechen möchte. Denn einmal – es müssen bald drei Jahre her sein – da kam ich hier an, da waren meine Söhne weg, nur mein Töchterchen Sonja war noch hier. Sie erzählte, sie hätte nach mir Ausschau gehalten, hoch oben, in ihrer Kammer. Sie sei wie immer auf dem Fensterbrett gesessen und hätte geglaubt ich sei es, der da durch den Wald zum Schloss wandere. Das musste sie auch glauben, denn ausser mir kam nie jemand hierher. Auch ihre Brüder meinten, ich würde kommen und seien mir voller Freude entgegengerannt, erzählte mir Sonja. Dann habe sie sechs Schwäne über den Wald davonfliegen sehen. Sie zeigte mir einige Federn der Schwäne, die sie im Hof aufgesammelt hatte. Ich war erschrocken und wollte meine Tochter zu mir nach Hause mitnehmen, um sie zu beschützen, aber Sonja weigerte sich. ‘Nur noch eine Nacht, bitte’, hat sie zu mir gesagt, ‘Vielleicht kommen ja die Schwäne morgen wieder zurück.’ Ich habe mich schweren Herzens überreden lassen. Doch als ich am nächsten Tag hierher zurückkam, da war auch Sonja verschwunden und ist seither niemals mehr aufgetaucht. Ich weiss nicht, was mit meiner lieben Tochter geschehen ist. Ob sie jetzt als Schwänin lebt, ob sie entführt wurde oder Schlimmeres. Ja, ich bin seither beinahe jeden einzelnen Tag hierher zurückgekommen und kenne inzwischen den Weg zu Genüge, ich brauche den Zauberknäuel längst nicht mehr. So kann ich ihn Euch getrost überlassen. Ihr müsst dem Knäuel nur Euren Wunsch mitteilen, dass Ihr nämlich nach Hause wollt, dann wird er sich vor Euch aufwickeln und euch so den Weg weisen.“»
«Was ist mit dir Anette?», ruft da Magdalena erschrocken, «Du bist ja kreidebleich!»
«Leg dich hin!», fordert geistesgegenwärtig Berta und aufblickend: «Jemand soll mir ein Kissen reichen und eine Decke und Lio, du rennst jetzt in die Küche und schlägst ein Ei mit etwas Zucker und einem Löffel Cognac und bringst den Eischnee hierher», und jetzt wieder zu Anette blickend: «Das wird dir guttun. Es ist ein altbewährtes Stärkungsmittel. Was ist nur mit dir los, dass du beinahe wieder ohnmächtig geworden bist?»
«Sie ist schwanger!», erklärt Magdalena, «Und ist vermutlich unterzuckert!»
Dünkt es mich nur, oder sieht mich Hermes tadelnd an? Ja, nun schüttelt er sogar den Kopf. Ich vermeine seine missbilligenden Worte in meinem Geiste zu hören: “Wie konntet Ihr nur! Wie konntet Ihr Anette unnötig in Aufregung versetzen?“ Da steht er auf, wendet sich allen zu, schwenkt sogar seinen imaginären Hut: «Verehrte Zuhörerschaft! Zwar möchten wir bestimmt alle wissen, ob der Knäuel Garn die drei Jünglinge sicher nach Hause bringen und ob sie schon bald hier eintreffen werden, doch wir sitzen hier seit Stunden, was nachweislich nicht gesund ist. Wir könnten alle Rückenbeschwerden bekommen oder Ärgeres. Deshalb schlage ich vor: Machen wir uns an unsere Arbeit und treffen uns später zu einem Abendmahl im Hof beim grossen Apfelbaum!»
Da erhebt sich auch Berta: «Magdalena, Küchenmägde! Ab in die Küche. Auf uns wartet einiges an Rüsten, Schneiden, Braten, Kochen!», und zu Lio, der eben mit einem kleinen Schüsselchen zurückkehrt: «Wenn Anette den Eischnee verzehrt hat, dann brauche ich dich in der Küche, aber dalli!»
«Kommt, wir gehen ein paar Schritte», flüstert Hermes mir augenzwinkernd zu, «Jetzt haben wir Zeit, damit ich endlich Eure dringendsten Fragen beantworte.»
Hermes und ich schlagen den Weg ein, der in der Nähe der Schlossmauern um das ganze Schlossgehöft herumführt. Er könne mir Fragen beantworten, hat er mir vorhin versprochen. Und ob ich Fragen habe!
«Ich muss Euch eine Geschichte erzählen», beginnt er.
«Ihr erzählt mir eine Geschichte?», frage ich erstaunt.
«Ja, wenn die Märchenerzählerin nicht mehr weiterweiss, dann ist es Zeit einzuspringen!», entgegnet er belustigt, «Ihr habt drei Wünsche frei, wie im Märchen. Doch macht es nicht wie jene Kurtisane, die sich wünschte, dass ihr alles folge, was sie nur berühre.»
«Was geschah dann?», frage ich neugierig.
«Sie hat sich geschnäuzt!», Hermes lacht dröhnend.
«Geschnäuzt?»
«Sie hat Ihre eigene Nase berührt und diese wurde lang und länger!», lacht er jetzt schallend.
««Schön, wie wenig es braucht, dass Ihr euch amüsiert», foppe ich ihn, «Mein erster Wunsch ist, mehr darüber zu erfahren, weshalb Sonja – Sonja muss Anette sein, oder täusche ich mich? Gut, nochmals: Ich möchte wissen, weshalb Annette und ihre Brüder im verborgenen Schloss hausten.»
«Es war einmal ein König», beginnt Hermes mit ernster Miene und monotoner Stimme zu erzählen, «der jagte einmal in einem grossen Wald und jagte einem Wild so eifrig nach, dass ihm niemand von seinen Leuten folgen konnte.»
«Hört auf!», lache ich.
«Ich soll aufhören? Das wäre dann bereits Euer zweiter Wunsch. Doch wollt Ihr nicht wissen, was sich zugetragen hat?»
«Das schon, doch wenn Ihr mit deklamierender Stimme sprecht, dann lenkt mich das ab!»
««Jetzt habt Ihr mich beschämt! Ich habe mein Bestes gegeben. Und Ihr findet es lachhaft!», erklärt Hermes schmunzelnd und blinzelt mir neckisch zu, «Also weiter im Text?»
«Ja, erzählt weiter!»
«Nun denn, dann nehme ich den Faden wieder auf!», hänselt er mich, «Schaut mich nicht so verdutzt an. Das sind doch Eure eigenen Gedanken, bevor Ihr eine Geschichte wieder – ich meine – bevor Ihr den Faden einer Geschichte wieder aufnehmt?», mit einem gespielten Seufzer: « Als der Abend herankam, hielt der König still und blickte um sich, da sah er, dass er sich verirrt hatte. Er suchte einen Ausgang, konnte aber keinen finden. Da sah er eine alte Frau mit wackelndem Kopfe, die auf ihn zukam; das war aber eine Hexe.
"Liebe Frau," sprach er zu ihr, "könnt Ihr mir nicht den Weg durch den Wald zeigen?"
"O ja, Herr König," antwortete sie, "das kann ich wohl, aber es ist eine Bedingung dabei, wenn Ihr die nicht erfüllt, so kommt Ihr nimmermehr aus dem Wald und müsst darin Hungers sterben."
"Was ist das für eine Bedingung?" fragte der König.
"Ich habe eine Tochter," sagte die Alte, "die so schön ist, wie Ihr nur eine auf der Welt finden könnt, und die es wohl verdient, Eure Gemahlin zu werden. Wenn Ihr sie zur Frau Königin machen wollt, so zeige ich Euch den Weg aus dem Walde."
Der König – in der Angst seines Herzens – willigte ein, und die Alte führte ihn zu ihrem Häuschen, wo ihre Tochter beim Feuer sass. Sie empfing den König, als wenn sie ihn erwartet hätte, und er sah wohl, dass sie sehr schön war, aber sie gefiel ihm doch nicht, und er konnte sie ohne heimliches Grausen nicht ansehen. Nachdem er sie zu sich aufs Pferd gehoben hatte, zeigte ihm die Alte den Weg, und der König gelangte wieder in sein königliches Schloss, wo die Hochzeit gefeiert wurde.»
«Das hat mit Sonja rein gar nichts zu tun», erwidere ich enttäuscht.
«So wartet doch. Das Märchen ist noch nicht zu Ende! Nun denn: Der König war schon einmal verheiratet gewesen und hatte von seiner ersten Gemahlin sieben Kinder, sechs Knaben und ein Mädchen, die er über alles auf der Welt liebte. Weil er nun fürchtete, die Stiefmutter möchte sie nicht gut behandeln und ihnen gar ein Leid antun, so brachte er seine Kinder in ein einsames Schloss, das mitten in einem Walde stand. Es lag so verborgen und der Weg war so schwer zu finden, dass er ihn selbst nicht gefunden hätte, wenn ihm nicht eine weise Frau ein Knäuel Garn von wunderbarer Eigenschaft geschenkt hätte; wenn er das Knäuel vor sich hinwarf, so wickelte es sich von selbst los und zeigte ihm den Weg.»
Ich bin baff.
«Jetzt seid ihr baff!», lacht Hermes.
«Das war das verborgene Schloss in dem dichten Wald, aus welchem auch die Prinzen nicht mehr herausfanden, und das war Anettes Vater, den die drei Brüder mitten im Wald getroffen haben», erwidere ich betroffen, «Deshalb wurde Anette ohnmächtig, als ich von ihrem Vater erzählte.»
Unser Weg führt um einen der Wachttürme herum, die hie und da die Mauer durchbrechen, direkt zu einem ausladenden, üppig blühenden Holdernstrauch. Davor sitzen drei hutzelige Weiblein auf einer Bank in der Abendsonne und spinnen. Es sind die drei Weisen Weiblein, wie ich mit Erstaunen feststelle. Sie spinnen, aber wie sie spinnen! Das eine Weiblein zupft unentwegt Fasern aus einem Beutel und reicht diese zum zweiten Weiblein weiter. Diese wiederum befeuchtet die Fasern mit den Lippen und lässt sie zum dritten Weiblein gleitet, das ein Spinnrad vor sich hat und es tritt und tritt und tritt. Jetzt wird mir auch klar, weshalb die Weiblein derart verunstaltet sind.
«Da kommt ja die Märchenerzählerin, die viel von Anette weiss und doch nicht alles», werde ich von der Weisen mit der dicken Lippe begrüsst.
«Sie möchte mehr erfahren!», murmelt das Weiblein, mit dem dicken Daumen.
«Haha!», lacht jetzt das Weiblein, das am Spinnrad sitzt und schmunzelt, «das gab es hier noch nie, dass wir der Märchenerzählerin ein Märchen erzählen!»
«Sie möchte wissen, ob die Schwäne erlöst werden!», murmelt das Weiblein mit der dicken Lippe.
«Sie möchte wissen, was Anette die ganze Zeit näht!», lächelt das Weiblein mit dem dicken Daumen.
«Sie möchte wissen, ob die beiden Kinder von Anette gesund und munter sind!», schmunzelt das dritte Weiblein.
«Oh, noch viel mehr möchte sie wissen!», beendet das erste Weiblein das Gespräch.
«Ihr dürft die Märchenerzählerin nicht so auf die Folter spannen», greift jetzt Hermes ein, «Erzählt Ihr doch, was Ihr wisst! Meine Wenigkeit ist mit dem Latein am Ende. Was ich gewusst habe, ist erzählt.»
«Hoho, Hermes fleht uns an, die Lücken der Geschichte zu füllen!», lächelt das Weiblein mit dem Spinnrad, «Dann lasst uns unsere Utensilien zusammenräumen, Schwestern, und Hermes unterstützen», mit diesen Worten reicht sie Hermes den Knäuel, den die drei im Laufe des Gesprächs gesponnen haben, «Hier, das sollte reichen!»
Hermes ergreift den Knäuel. Ich aber stehe da, verblüfft. Die Weiblein versprachen mir Antworten, jetzt aber wanken sie auf ihren alten Beinen wackelig von dannen.
«Schaut nicht so erstaunt. Es hat alles seine Richtigkeit. Man sagt doch “eine Geschichte spinnen“. Nun, das haben die Weiblein soeben gemacht. Vor Euren Augen, Gnädigste. Die Geschichte steckt in diesem Knäuel hier. Meine Wenigkeit wiederum beherrscht die Fertigkeit, diese zu lesen!»
Lieber Benjamin. Die Märchenerzählerin weiss alles, selbst Dinge, die ich bisher nicht gewusst habe. Mir aber war unbehaglich, nicht wegen der Märchenerzählerin und deren Kenntnisse, sondern weil ich spüre, dass das Kind, das in mir wächst, schon bald geboren werden will. Mir war so bange, lieber Bruder. Mir war bange, ob ich diesmal das Kind bei mir behalten könnte. Es kam aber alles anders. Deshalb möchte ich dir jetzt aufschreiben, was heute Abend alles geschah.
Es gab ein Nachtessen, mehr ein Bankett. Es sollte eine Willkommensfeier werden, denn man erwartete ja die drei Prinzen zurück. Sie sollten demnächst eintreffen, sofern ihnen der Garnknäuel tatsächlich den richtigen Weg gezeigt hat.
Zuerst wurden wiederum Häppchen und delikate Küchlein aufgetischt, dazu einen leichten Weisswein, davon ich jedoch nur wenig trank. Danach, so hat es Lio der Runde erklärt, würden die Lieblingsessen der drei Prinzen aufgetragen, er selbst habe geholfen, diese in der Küche zuzubereiten. Ich war gespannt. Doch es sollte anders kommen.
Die drei Prinzen kamen wie erwartet durch das Schlosstor. Du kannst dir nicht vorstellen, welch ein Jubel ausbrach. Da stand die Märchenerzählerin abrupt auf, nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich direkt zu Atari, welcher den Knäuel Garn, weisst du, derjenige, der ihn und seine Brüder nach Hause geleitet hat, in der Hand hielt.
Die Märchenerzählerin bat ihn, ihr den Knäuel zu geben, was der verdutzte Atari widerstandslos tat.
«Kommt mit zu den Ställen», forderte mich die Märchenerzählerin auf und ich folgte ihr. Dort hatte Samuel, der Stallknecht bereits zwei Pferde gesattelt.
«Könnt Ihr reiten?», fragte mich Samuel.
Ich durfte mich ja nicht äussern, doch die Märchenerzählerin gab an meiner Stelle zur Antwort: «Sie kann reiten, aber es ist vielleicht etwas riskant, seht nur, sie ist ja hochschwanger, das habe ich nicht bedacht.»
«Auf diesen Pferden hier könnt Ihr sicher reiten», erklärte Samuel, und an mich gewandt: «Sie haben eine Gangart, dass Ihr meint, Ihr würdet schweben, nicht reiten! Zudem sind sie von kleiner Statur, so könnt Ihr bequem aufsteigen und wieder hinuntergleiten», und führte uns und die Pferde zum hinteren Tor der Schlossmauer, wo wir uns von ihm verabschiedeten.
Wir stiegen auf die Pferde und die Märchenerzählerin nahm den Knäuel Garn, flüsterte etwas und liess den Knäuel los. Dieser rollte vor uns her, auf einen schmalen Pfad durch ein Wäldchen, das dort an die Schlossmauer grenzt.
«Danke, dass Ihr mir vertraut und mit mir mitkommt», sprach die Märchenerzählerin zu mir, «Ihr wundert Euch bestimmt, wohin wir reiten. Nun zuerst: Ich war heute mit Hermes unterwegs und er hat mir Eure Geschichte erzählt bis zu dem Punkt, wo er sie nicht kannte. Wir trafen die drei Weisen Weiblein, und diese gaben Hermes einen Knäuel – ich weiss nicht, was es war – gesponnene Wolle, Flachs, Seide? – wie auch immer. Dank dieses Knäuels konnte mir Hermes alles, was ich über Euch wissen musste, erzählen. Es war dieser frisch gesponnene Knäuel, der mich auf die Idee brachte, den Knäuel, den Atari und seine Brüder nach Hause führte, zu nehmen und Euch... Nein, ich möchte Euch jetzt noch nichts verraten, nur so viel: Ich bringe Euch und Euer ungeborenes Kind in Sicherheit!»
Kannst du dir vorstellen, lieber Bruder, wie mein Herz jubelte! All die Angst, dass mir die teuflische Schwiegermutter auch mein drittes Kind entführen – ich wagte nie, mir noch Unheilvolleres vorzustellen – ja, all die Angst, Besorgnis und Befürchtungen fielen von mir ab. Es war mir, als hätte ich die ganze Zeit einen Sack Steine geschleppt und die Steine hätten sich nun in Luft aufgelöst. Ich war erstmals seit undenklichen Zeiten heiteren Gemütes.
Während des Ritts erzählte mir die Märchenerzählerin, wie sich einst unser Vater beim Jagen im Wald hoffnungslos verirrt hatte und dann eine Hexe traf. In seiner Bedrängnis gelobte er dieser, deren Tochter zu ehelichen. Doch obwohl die Hexentochter eine überaus schöne Frau war, fürchtete er sie. Es graute ihm vor ihr, wenn er sie nur schon anschaute. Sein Misstrauen war denn auch der Grund, weshalb er uns ins verborgene Schloss im Wald brachte. Die Märchenerzählerin erzählte mir weiter, dass Vaters neue Frau ihm auf die Schliche kam, einen Diener bestach, der ihr dann verriet, dass unser Vater uns mit einigen treuen Mägden und Knechten ins verborgene Schloss gebracht habe und ihm ein Garnknäuel jeweils den Weg dorthin zeige. Der Diener wusste ferner, dass unser Vater den Knäuel unter seinem Kopfkissen versteckt hatte. Daraufhin nähte Vaters zweite Frau – sie kannte sich wie ihre Mutter in allen Hexenkünsten aus – Hemdchen, die uns in Schwäne verzaubern sollten. Als unser Vater wieder einmal auf der Jagd war, nahm sie den Knäuel und die Hemdchen und machte sich auf den Weg zu uns. Den Rest kennst du. Wir glaubten, unser Vater käme durch den Wald zu uns, ihr seid voller Freude auf ihn zu gerannt, aber es war nicht der Vater, sondern die falsche Hexe, welche alsbald die Hemdchen über euch warf, worauf ihr euch in Schwäne verwandelten. Sie hatte jedoch nicht bemerkt, dass ich oben im Fenster unter der Dachgaube alles gesehen hatte, vielmehr glaubte sie, sie hätte nun alle Kinder ihres Gatten verzaubert, wäre nun die Stiefkinder los und ging frohgemut nach Hause zurück.
Die Märchenerzählerin hat mir sodann offenbart, sie wisse, dass ich die Brüder gesehen hatte, diese mir erklärt hätten, wie ich sie erlösen könne. Dass ich deshalb sechs Hemdchen aus den Blüten von Sternenblumen innert sechs Jahren nähen müsse und in dieser Zeit weder lachen, noch weinen noch sprechen dürfe.
Sie weiss auch das Schreckliche, das die Königin die Schwiegermutter, mir angetan hat. Wie sie mir meine Kinder weggenommen, meinen Mund mit Blut beschmiert und mich bei Emanuel, meinem Gatten, verleumdet hatte. Ich sei eine Kindermörderin und hätte meine Kinder gefressen, so habe sie mich denunziert. Diese ganze verrückte, schreckliche Geschichte kennt die Märchenerzählerin und ich bin froh, dass sie die ganze Wahrheit über mich weiss.
So ritten wir immerzu weiter, immer dem vor uns her rollenden Knäuel hinterher, währenddessen mir die Märchenerzählerin alles erzählte, erklärte und erläuterte, mir jedoch das Ziel der Reise nicht verriet. Wir ritten durch das märchenhafte Land mit den sanften, bewaldeten Hügeln, hörten den Nachtigallen zu, die bei den Bächen den Abend singend einläuteten, kamen schliesslich in ein Wäldchen, dessen Boden über und über mit hellblau blühenden Elfenkrokussen bedeckt waren, und zuletzt gelangten wir in eine Lichtung, wo ein schönes Häuschen stand.
Vor dem Häuschen war eine Bank. Darauf sassen drei hutzelige Weibchen, es waren die drei Weisen Weiblein. Zwei Kinder spielten vor dem Haus, eines war noch klein, konnte gerade gehen. Das andere war etwas älter. Eine Amme sass neben ihnen auf einem Baumstamm und passte auf sie auf. Plötzlich machte mein Herz einen Satz. Diese Kinder, lieber Benjamin, diese Kinder sind meine Kinder. Es war ihnen kein Leid angetan worden. Sie sind gesund und in Sicherheit!
Ich glitt vom Pferd und näherte mich den Kindern. Diese erblickten mich und rannten auf mich zu, obwohl sie sich doch unmöglich an mich erinnern konnten. Wir herzten und küssten uns. Ich lachte innerlich, ich weinte innerlich. Tränen der Freude rannen still über meine Wangen.
Als ich aufschaute, trat ein hoch gewachsener Mann aus der Türe des Häuschens.
“Emanuel“, hätte ich schreien mögen. Aber ich durfte ja nicht.
Emanuel trat auf mich zu, nahm mich in seine starken Arme und flüsterte: «Es wird alles gut. Jetzt wird alles gut.»
Nein, Kathrin. Das Märchen ist noch nicht zu Ende. Ich sehe Anette zu, wie sie ihre Kinder und den Gatten umarmt, sie herzt und küsst.
Ja, Ich bin mehr als überrascht. Ich könnte jauchzen und vor Freude heulen. Ich würde es gerne Anette gleichtun, diese allerliebsten Kinder umarmen, desgleichen die drei treuen hutzeligen Weisen Weiblein, auch die Magd, welche nun ebenfalls aus der Hütte kommt und die hier bestimmt kocht und sauber macht, den Ofen heizt und den Gemüsegarten pflegt. Auch die Amme würde ich herzen wollen und ihr danken, sie, die all die Zeit fürsorglich zu den Kindern geschaut hat. Ich möchte Anette umarmen und Emanuel. Von letzterem würde ich gerne wissen wollen, weshalb er hier ist. Aber ich ahne es: Er muss seine Kinder gesucht und gefunden haben und ist zu ihrer Sicherheit bei ihnen geblieben. Ja. so muss es gewesen sein.
Doch ich sitze nach wie vor hoch zu Ross am Rande der Lichtung und schaue dem Spektakel zu. Der Knäuel hat Anette zu ihrer Familie geführt. Wer hätte das gedacht.
Doch jetzt kehre ich um, denn ich muss zurück aufs Schloss. Deshalb reite, nein galoppiere ich in Windeseile durch das Wäldchen, über Wiesen, Stock und Stein. Schon erscheint das Schloss. Schon reite ich zum hinteren Schlosstor, steige ab, führe das Pferd zum Stall, wo Samuel mich erwartet, mich und das Pferd, um diesem Sattel und Zaumzeug abzunehmen, ihm Wasser und Hafer hinzustellen und sein Fell zu striegeln. Doch irgendetwas stimmt nicht mit Samuel. Er scheint nicht fröhlich oder erfreut. Er schaut mich mitgenommen an. Oder gar verzweifelt?
Ich eile durch den grossen Park des Schlosses, dorthin, wo die grosse Feier stattfinden soll, der König ist bestimmt geheilt, seine Söhne werden ihm ja das Wasser des Lebens gebracht haben, er wird es getrunken haben und sogleich aufgestanden sein, um seine Heilung mit seiner Familie, all seinen Freunden, kurz mit dem ganzen Hofstaat zu feiern.
Jählings bleibe ich stehen. Anstelle von freudigem Gelächter, Jubel, Trudel, Heiterkeit, höre ich – nichts! Nicht einmal die Vögel in den Sträuchern und auf den Bäumen zwitschern wie gewohnt. Es ist unheimlich, ja gespenstisch still.
Voller Sorge und Furcht nähere ich mich dem Hof, in welchem auch der Apfelbaum steht. Wo ist der ganze Hofstaat? Weshalb feiert niemand? Die Tische sind weggeräumt, auch die Stühle, Sessel. Der Hof ist leer. Keine Speisen, kein Trank, kein gar nichts.
Doch. Dort, bei meiner Bank, auf der ich gewöhnlich sitze, entdecke ich den alten Mann, Lio und die drei Prinzessinnen und – zu meiner grossen Freude – Hermes.
Ich trete an den Tisch, den einzigen, der nicht entfernt worden ist.
«Wo wart Ihr?», fragt mich Hermes.
«Was ist hier geschehen?», frage ich.
«Das ist eine dämliche Geschichte!», erklärt mir Dana wütend, «Dämlich und ungerecht und...»
«Wir wussten es doch!», das ist Lahja.
«Was wussten wir denn?», frage ich gespannt.
«Ihr habt es uns doch erzählt!», empört sich Dana.
«Ja, was denn, um Himmels Willen?»
«Nur mit der Ruhe, meine Damen!», greift Hermes ein. Zum ersten Mal umspielt kein Lächeln seinen Mund. Es muss etwas Schlimmes geschehen sein.
«War das Wasser des Lebens unbrauchbar?», ich bin sehr beunruhigt.
«Ihr habt doch erzählt, dass Nahuel und Miro das Wasser ausgetauscht haben!», erklärt Lara.
«Damals, als sie auf dem Schiff das Meer überquerten und Atari geschlafen hat!», das ist Dana.
«Atari hat, ohne es zu ahnen, dem König das Meerwasser gebracht!», erläutert Lio, «Und der König wurde augenblicklich kränker!»
«Danach haben Nahuel und Miro ihrem Vater das richtige Wasser des Lebens eingeflösst und der König wurde augenblicklich wieder gesund. Er ward wieder stark und kräftig wie in seinen jungen Jahren», das war Dana.
«Nahuel und Miro verspotteten Atari vor unser aller Augen. Hier beim Festmahl!», erklärt Lahja traurig.
«Es war wirklich schlimm. Sie verhöhnten ihn, nannten ihn einen Tölpel und Dummling», klagt Dana.
«Ich sass ganz nahe bei Atari und hörte, wie die beiden ihm zuflüstern, er hätte halt klüger sein und die Augen aufbehalten sollen, er hätte zwar das Wasser des Lebens gefunden, und alle Mühe gehabt, aber sie würden nun den Lohn einheimsen und auch die Prinzessin heiraten!», erklärt Lara.
«Ich sass auch in der Nähe und hörte, wie meine Brüder Atari leise ins Ohr sagten, er solle sich davor hüten, etwas zu verraten. Der Vater würde ihm eh nicht glauben. Er solle sich also in Acht nehmen, sonst würden sie ihm etwas antun», jetzt weint Dana.
«Wir wussten doch alle, was auf dem Meer geschehen ist!», erklärt Lara, «Alle, ausser der Vater. Wir nahmen jedoch an – ich nahm leichtfertig an! – dass unser Vater über seine Heilung so froh sein würde, dass er nicht wütend wird!»
«Wurde der König denn wütend?», frage ich fassungslos.
«Ja!», Lahja bricht in Tränen aus, «Er kam hier herunter, er war ganz gesund, wir freuten uns. Ich habe mich so gefreut. So sehr gefreut!»
«Er kam und man sah ihm an, wie zornig er war. Er sprach vor allen Gästen zu Atari: “Du, mein Sohn, hast mich vergiften wollen. Das kann ich nicht dulden. Ich kann dich nicht länger hier dulden. Du kannst nicht länger mein Sohn sein. Ich verstosse dich. Geh, pack deine sieben Sachen. Noch heute musst du von hier verschwinden!“», erklärt Lio.
Ich bin schockiert: «Ja, hat denn niemand dem König die Wahrheit mitgeteilt?»
«Es war nicht möglich. Wir haben es alle versucht. Er hat uns abgewimmelt und nicht geglaubt», das ist Dana.
«Er wurde wütender, je mehr wir auf ihn eindrangen», das ist Lara.
«Aber es ist alles noch viel, viel schlimmer!», schluchzt jetzt Dana, «Viel, viel schlimmer als ihr überhaupt denken könnt!»
«Nun rede schon!», herrscht sie ihre ältere Schwester an.
«Ich war im Stall. Ich habe Trost bei meinem Pferd Morena gesucht. Ich habe ihr einen Apfel gebracht, wollte sie bürsten und striegeln. Ihre Nähe suchen. Ich war also im Stall und da ist mein Vater in den Stall gekommen. Ich bin erschrocken und habe mich geduckt. Der Vater sprach mit Samuel. Er befahl ihm, Atari zu begleiten und – wenn sie dann in einen dunklen Wald kämen, wo sie unbeobachtet seien – Atari zu erschiessen. Er, Samuel dürfe niemandem etwas davon mitteilen, sonst sei er selbst des Todes.»
Darum also schien mir Samuel vorhin so geknickt, so verzweifelt. So ungewöhnlich kleinlaut, muss ich denken.
«Wir müssen sofort zu Samuel und eine Lösung finden!», erwidere ich deshalb.
«Es ist zu spät!», weint Dana.
«Zu spät?»
«Ich habe, kurz nachdem Ihr vorhin ankamt, Atari mit Samuel wegreiten sehen!», jetzt weint Dana hemmungslos.
«Könnt Ihr nicht Eure Flügel entfalten und Samuel aufhalten?», fahre ich Hermes an, der ebenso fassungslos in die Runde starrt. Doch dieser schweigt.
«Ihr macht mir Angst, wenn Ihr nicht spottet wie sonst immer! Spottet, oder neckisch lächelt oder eine haarsträubende Geschichte erzählt. Habt Ihr denn keine Idee?»
Hermes schaut mich nachdenklich an, nachdenklich und bereits wieder etwas spöttisch: «Weshalb, meine Liebe, weshalb erzählt Ihr nicht die Geschichte etwas anders? Dreht und wendet sie. Verändert sie. Ihr seid die Märchenerzählerin, nicht ich!»
Wenn ich nur wüsste wie.
«Seht Ihr denn nichts?», fragt Dana, immer noch schluchzend.
«Ihr müsst Euch jetzt konzentrieren, an etwas Schönes denken», bedrängt mich Hermes, «Eure Schultern lockern, auch die Arme, Hände, Beine!»
«Sonst noch irgendwelche nützliche Ideen?», fahre ich ihn an, «Unter Druck kann ich nicht erzählen. Dann bin ich blockiert und habe keine Ideen!»
«Wir könnten eine Runde ums Schloss joggen...», noch einmal Hermes.
«Seht Ihr denn nichts?», bestürmt mich nun auch Lara.
«Ich habe vorhin den Knäuel im Stall liegen lassen!», entfährt es mir auf einmal.
«Na und?», fragt Dana neugierig.
«Ich wisst doch den Knäuel!»
«Der Knäuel Garn, mit dem Atari und seine Brüder aus dem verborgenen Schloss zu uns zurückgefunden haben?», nochmals Dana.
«Ja, genau dieser. Den habe ich Atari abgenommen, als er hier eingetroffen ist.»
«Ach, jetzt fällt es mir wieder ein. Ihr habt Anette bei der Hand genommen und seid gemeinsam zu Atari gegangen. Nicht gegangen. Ihr seid gerannt. Ich erinnere mich. Ich habe angenommen, Ihr wolltet ihn schnellstmöglich begrüssen», resümiert Lara.
«Wo ist Anette? Ich habe sie seit Stunden nicht gesehen!», erwähnt jetzt Lio zunehmend beunruhigter, «Sonst sitzt sie auf der Wiese, oder hier unter dem Apfelbaum, oder in der Küche, oder spaziert mit dem alten Mann durch den Park und dieser erklärt ihr die Pflanzen. Sie ist verschwunden!»
««Ja, auch ich habe sie seit Längerem nicht mehr gesehen. Ist ihr etwa etwas passiert? Ist sie etwa erkrankt?», ereifert sich Dana.
«Ich habe Anette entführt!», rufe ich dazwischen.
«Ihr habt was?», fragt Hermes ganz und gar verblüfft.
«Nennt es, wie Ihr wollt. Entführt, in Sicherheit gebracht, dorthin gebracht, wo sich auch ihre beiden Kinder aufhalten...»
«Ihre Kinder leben?», fragt ungläubig Dana, «Sie waren nicht krank und sind gestorben?»
«Nein, sie sind alle an einem sicheren Ort, wo auch Emanuel lebt...»,
«Emanuel lebt? Er ist nicht verschollen?», das war Lio.
Ich blicke in die Runde und in verblüffte, verdutzte, ungläubige Gesichter.
««Nein, Emanuel lebt, ist gesund und munter, und wohnt mit seinen Kindern und deren Amme, einer Magd und den drei Weisen Weiblein an einem sicheren Ort und dorthin habe ich auch Anette hingeführt!»
«Sie gehören zusammen, sie sind ja eine Familie!», freut sich Lahja und jubelt.
«Aber wie konntet Ihr wissen...?», Lio hört mitten im Satz auf zu reden.
«Ich hatte keine Ahnung!», gestehe ich, «Ich habe dem Knäuel befohlen, uns zu den Kindern von Anette zu bringen.»
«Samuel ist eingeweiht! Wolltet Ihr uns das erzählen?», schlussfolgert Hermes.
«Ja, ich habe Samuel eingeweiht. Jemand musste uns zwei Pferde satteln und bereithalten. Und jetzt kommt das Allerbeste!»
«Spannt uns nicht auf die Folter!», fordert Lio.
«Ich habe vorhin, als ich vom Pferd stieg, den Knäuel im Stall liegen gelassen!»
«Und Samuel hat gewusst oder beobachtet, wie Ihr dem Knäuel Eure Anweisung gegeben hat! Ich bin sprachlos!», verwundert sich Hermes.
«Was soll das nützen?», die kritische Lara.
«Ja, wenn ich Samuel richtig einschätze...»
«Ja, schaut hin! Hat Samuel den Knäuel bei sich?», das war jetzt Magdalena.
«Ich halte es nicht mehr aus. Schenkt uns endlich reinen Wein ein! Seht Ihr nun Samuel und Atari?», nochmals Hermes.
«Ja, sie reiten dahin. Friedlich und einträchtig. In einem leichten Trab. Atari scheint sich wahrlich nicht gross über seine Verbannung zu beunruhigen.
Da ergreift Samuel das Wort: “Atari, ich muss Euch etwas mitteilen!“
“Sagt schon, Samuel, Euch bedrückt etwas, das sehe ich Euch bereits die ganze Zeit an!“
“Ja. Ich sag’s Euch geradeaus: Der König hat mir befohlen, Euch in einem abgelegenen Wald zu erschiessen!“
«Das kann nicht sein!» unterbricht mich Dana empört, «Unser Vater würde niemals das Lebens eines seiner Kinder gefährden!»
«Es ist leider so, Schätzchen», versuche ich zu erklären, was nicht erklärbar ist, «Manchmal tun Eltern auch böse Dinge.»
«Nein, nein. Mein Vater ist nicht böse! Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen und ihn zur Rede stellen!», sagt’s und eilt bereits davon.
«Ist das wahr, ist das wirklich, wirklich wahr und kein Märchen?», fragt mich nun Lara.
Ach, liebe Kathrin. Ist es ein Märchen, ist es keines? Ich stecke in einer Zwickmühle, was soll ich nur antworten?
Da antwortet Hermes an meiner Statt: «Weisst du nicht, das Märchen immer gut ausgehen?»
«Die Bösen werden wie die Hexe in Hänsel und Gretel in den Ofen geschupst oder kommen auf den Scheiterhaufen», Lara scheint resigniert, «Mein Vater gehört zu den Bösen!»
Da kommt Dana zurück. Mit Tränen in den Augen.
«Und, was hat unser Vater dir gesagt?», so Lara.
«Er hat mich abgewimmelt. Hat mir gesagt, das gehe mich nichts an!», antwortet Dana kleinlaut.
«Dann stimmt es also», schlussfolgert Lara verzagt, «Unser Vater hat Samuel tatsächlich den Befehl gegeben, unseren Bruder zu erschiessen!»
«Meine Damen!», interveniert Hermes, «So lasst doch die Märchenerzählerin weitererzählen», und mich intensiv fixierend, «Verehrte Erzählerin, los, sucht Euch selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!»»
«Ihr zitiert Brecht!», lächle ich matt.
«Ja! Ihr müsst einen guten Schluss finden. Unbedingt!»,insistiert Hermes.
«Wo waren wir nur?», versuche ich den Faden wieder aufzunehmen.
«Samuel hat Atari erklärt, er müsse ihn erschiessen!»
«Ja, genau. Atari sieht Samuel perplex an. “Was hat Euch mein Vater befohlen?“
“Ihr habt richtig gehört. Ich sollte Euch erschiessen. Das werde ich jedoch nicht tun, mein Freund. Ich jage Hasen und Wachteln. Aber ich erschiesse doch keine Menschen!“
“Was ist zu tun?“, fragt Atari bedrückt.
“Ich habe eine Idee. Ihr müsst wissen, die Märchenerzählerin kam heute mit Anette zu mir und hiess mich zwei Pferde satteln. Sie hatte den Knäuel Garn bei sich und bevor sie weggeritten sind, da hat sie dem Knäuel befohlen, ihnen den Weg zu Anettes Kinder zu zeigen...“
“Ihr denkt, Anettes Kinder sind am Leben?“
“Jedenfalls ist die Märchenerzählerin ohne Anette zurückgekommen.“
“Daraus schliesst Ihr was?“
“Das Offensichtliche: Anette blieb bei ihren Kindern.“
“Aber was nützt uns das?“
“Hier, seht! Ich habe den Knäuel Garn genommen. Die Märchenerzählerin liess ihn in im Stall liegen...“
“Und Ihr denkt nun, dass der Knäuel uns den Weg zu Anettes Versteck zeigt! Ist es das?“
“Gut geraten, mein Prinz und Freund!“
Mein Mund ist ausgetrocknet, ich nehme einen Schluck Wasser. Meine Zuhörerschaft schaut mir ungeduldig zu.
«Und? Hat der Knäuel Samuel und Atari den Weg zu Anette gezeigt?», fragt da Dana.
«Weshalb sind Anettes Kinder nicht hier, sondern an einem geheimen Ort?», unterbricht sie die kluge Lara.
«Es gibt Gerüchte...», nehme ich den Faden auf.
«Ach, Unsinn! Ihr müsst es wissen, Ihr seid die Märchenerzählerin!», insistiert Lara.
«Nun denn. Aber diese Geschichte wird Euch nicht gefallen», warne ich die drei Prinzessinnen.
«Nun erzählt schon. Unser Vater hat sich als ein Böser herausgestellt, auch unsere beiden Brüder sind Lügner und Betrüger. Schlimmer wird’s nimmer...», das ist Dana.
«Niemand weiss, wer Anette ist, noch wie sie wirklich heisst», nehme ich den Faden auf.
«Ja, Emanuel brachte sie eines Tages von einem Jagdausflug nach Hause. Sie sei kaum bekleidet gewesen. Aber so haben wir sie nie gesehen. Er hat sofort eine der Mägde zu ihrer persönlichen Kammerjungfer berufen...», berichtet Lara.
«Ja, Magdalena. Obwohl sie eine Küchenmagd ist!», weiss Lio zu berichten.
«Emanuel hat sich unsterblich in Anette verliebt und sie innert kürzester Zeit geheiratet», erzählt Lara.
«Und das wiederum hat Eurer Mutter ganz und gar nicht gefallen!», erkläre ich, «Sie war unzufrieden mit dieser Heirat. “Wer weiss, wo die Dirne her ist," hat sie zu Emanuel gesagt, "Eine Dirne, die nicht reden kann: Sie ist eines Königs nicht würdig".
Über ein Jahr, als Anette das erste Kind zur Welt brachte, nahm Eure Mutter, die Königin, Anette das Kind weg und bestrich Anette im Schlafe den Mund mit Blut. Da ging sie zu Emanuel, sagte ihm, Anette sei eine Menschenfresserin, sie müsse bestraft werden. Emanuel wollte es nicht glauben und litt nicht, dass man Anette ein Leid antat. Anette aber schwieg, sass beständig auf der Wiese, unter diesem Apfelbaum oder in der Küche und nähte und achtete auf nichts anderes.
Das nächste Mal, als sie wieder einen schönen Knaben gebar, übte ihre falsche Schwiegermutter, die ja Eure Mutter ist, denselben Betrug aus, aber Emanuel konnte sich nicht entschliessen, ihren Reden Glauben beizumessen. Er sprach: "Anette ist zu fromm und gut, als dass sie so etwas tun könnte, wäre sie nicht stumm und könnte sie sich verteidigen, so würde ihre Unschuld an den Tag kommen."»
«Nein!», schreit jetzt Dana auf, «Das ist nur eine Geschichte, das kann nicht wahr sein. Unsere Mutter würde niemals lügen und Anette ein Kind wegnehmen. Sie würde niemals Anette bedrohen. Es muss etwas anderes mit den Kindern geschehen sein!»
«Anette ist wieder schwanger!», fasst Lara die Situation zusammen, «Deshalb hat die Märchenerzählerin Anette in Sicherheit gebracht.»
«Es kann nicht sein, es darf nicht sein!», Dana steht auf und schreitet aufgewühlt hin und her, «Wir haben böse Eltern. Ich habe geglaubt, wir hätten die liebsten Eltern auf der Welt, aber jetzt stellt sich heraus, dass sie alle beide böse sind!»
«Was hätte unsere Mutter getan, wenn Anette das Kind hier geboren hätte?», fragt zaghaft Lahja.
«Das wollt Ihr nicht wissen, Prinzessinnen!», versuche ich mich herauszureden.
«Ihr müsst es wissen. Sonst hättet Ihr Anette nicht geholfen!», schlussfolgert Lara.
«Ich hatte eine Ahnung. Das stimmt.»
«Und?»
«Ihr wollt es nicht wissen!»
«Wir wollen es wissen. Hier und jetzt!», fordern Dana und Lara unisono.
««Nun denn», beginne ich mit schwerem Herzen, «Sie hätte Anette das Kind wiederum weggenommen, ihren Mund mit Blut beschmiert und hätte Emanuel überredet, Anette einem Gericht zu übergeben. Wegen dreifachen Mordes an ihren eigenen Kindern!»
«Sie wäre freigesprochen worden!», jubelt Lara.
«Freigesprochen?», frage ich erstaunt, «wie kommst du auf die Idee?»
«Das ist doch ganz klar: Es gibt keine Leichen. Es gibt keine Indizien, nur unhaltbare Behauptungen!», klärt uns Lara auf.
«Lara, du wirst einmal einst, aber hoffentlich nicht schon bald, eine kluge Rechtsgelehrte!», freut sich Dana.
«Ja, das wird sie bestimmt!», weissage ich.
Hermes sitzt die ganze Zeit neben uns, hat den Diskussionen amüsiert zugehört und ergreift jetzt das Wort: «Ich könnte Euch, Lara, inzwischen schon mal in Hermeneutik unterweisen, da seid Ihr bei mir nämlich an der Quelle!», und fährt mit einem Augenzwinkern fort, «Hermeneutik, ist die hohe Kunst der Auslegung und Deutung von Worten, Sätzen, Texten. Ein Dichter hat einst über mich geschrieben, ich hätte Zeus, meinem heimlichen – oder ist es ein verheimlichter? – nun wie dem auch sei, ich hätte meinem heimlichen Vater Zeus eine unverschämte Rede gehalten. Und deshalb!», er lacht schallend, «deshalb wurde die Kunst der Textinterpretation nach meiner Wenigkeit benannt!», Hermes steht auf, verbeugt sich auf alle Seiten hin, schwenkt dabei den imaginären Hut, «Aber jetzt wollen wir wissen, wie es mit Atari und Samuel weitergeht!»
Doch noch bevor ich Atem holen und zu sprechen beginnen kann, fährt eine prachtvolle Kutsche durchs Tor und hält im Hof des Palastes, nicht weit von uns entfernt.
Ein Bote oder Kurier, prachtvoll livriert, steigt aus der Kutsche und verlangt von einem verdutzten Diener, der ihm entgegeneilt, Atari, den Prinzen, zu sprechen. Inzwischen befehligt der Bote seinen Diener, Geschenke aus der Kutsche zu hieven.
Der König erscheint und fragt erstaunt: «Was wollt Ihr hier?»
Der Bote verbeugt sich: «Mein Herr und König hat mich geheissen, diese Geschenke Prinz Atari zu überreichen», mit diesen Worten öffnet er eine Kiste.
«Das sind ja Edelsteine und Gold!», ruft der König überaus verblüfft.
«Ihr wundert Euch? Ist Euer Sohn nicht zugegen?», so der Bote.
«Mein Sohn», hüstelt der König, «ist für eine Weile verreist! Doch sagt, weshalb bringt Ihr Atari solch kostbare Geschenke?»
«Mein Herr und König war einst in grosser Not. Es herrschte Krieg und Hungersnot. Da hat Atari, der gerade durchs Land reiste, meinem Herrn und König sein Schwert gegeben und mein Herr und König konnte mit dem Schwert seine Feinde vertreiben. Danach hat Atari meinem König auch sein Brot gegeben, damit konnte mein Herr und König die Menschen in seinem Reich nähren. Diese Geschenke sind ein Dankeschön meines Herrn und Königs. Ich bitte Euch: Übergebt die Geschenke Eurem Sohn, wenn er von seiner Reise zurückkehrt und lasst ihn von meinem Herrn und König grüssen.»
Der Bote verneigt sich vor dem verblüfften König, verabschiedet sich höflich, steigt in die Kutsche, desgleichen der Diener. Der Kutscher schwingt die Peitsche, lässt die Pferde die Kutsche drehen und schon ist das Gefährt durchs Tor gefahren und verschwunden.
«Soll ich die Geschenke in Ataris Kammer bringen lassen?», fragt der Diener, der neben dem König steht und der Kutsche nachschaut.
Doch kaum hat er ausgeredet, da erscheint eine zweite Kutsche. Wiederum steigt ein prachtvoll gekleideter Bote aus der Kutsche, verneigt sich vor dem König, verlangt Atari zu sehen, um diesem die Geschenke seines Herrn und Königs zu überreichen. Wiederum ist es ein Dankeschön eines fernen Königs, in dessen Reich Krieg und Hungersnot geherrscht hatten und dessen Reich Atari mit seinem Schwert und Brot vor dem Niedergang errettet hat. Wiederum stottert der König, Atari sei verreist, er könne ihm die Geschenke bei seiner Rückkehr übergeben.
Ja und kaum ist auch diese Kutsche mit den Reisenden weggefahren, da erscheint tatsächlich eine dritte Kutsche und das ganze Prozedere wiederholt sich zum dritten Mal.
Der König schwankt zu uns herüber, er zittert und bebt am ganzen Körper, der alte Mann packt ihn geistesgegenwärtig am Arm und hilft ihm, sich auf die Bank zu setzen und schenkt ihm ein Glas Wein ein.
«Ich habe meinem Sohn unrecht getan!», stammelt der König und hält sich am Tisch fest, «Er muss unschuldig sein. Ich verblendeter Narr habe ihn töten lassen! Oh, wie leid es mir tut, wie furchtbar leid. Ich bin es nicht wert, ein König zu sein!» Jetzt bricht er in Schluchzen aus.
Wir sind fassungslos. Schon die ganze Zeit haben wir dem Spektakel, das sich vor uns abspielte, bestürzt und erschüttert beigewohnt. Doch jetzt sind wir völlig entgeistert.
Als erste fasst sich Dana: «Vater, Atari lebt!»
«Ich habe Samuel befohlen, Atari in einem abgelegenen, schwer zugänglichen Waldabschnitt zu erschiessen. Samuel ist ein gehorsamer Diener. Atari kann gar nicht mehr am Leben sein!», wiederum bricht der König in haltloses Weinen aus.
«Doch Vater, Atari lebt. Die Märchenerzählerin hat es uns erzählt!», schaltet sich Dana ein.
«Quält mich nicht länger mit Euren Ammenmärchen. Ich muss damit leben, dass ich meinen jüngsten Sohn töten liess. Das ist Strafe genug!», widerspricht der König bitter.
«Vater! Hört uns doch bitte zu! Atari lebt und ist mit Samuel auf dem Weg zu Anette, ihren Kindern und Emanuel. Diese befinden sich an einem sicheren Ort zusammen mit einer Amme, einer Dienerin und ja, die drei Weisen Weiblein sollen sich ebenfalls dort befinden!», entgegnet Dana heftig.
Da bricht der König in ein ungläubiges Gelächter aus: «Hört auf, mich mit Euren Träumereien und Hirngespinsten zu quälen!»
«Mein König,», spricht nun Hermes mit vor Schalk blitzenden Augen, steht dazu auf, verbeugt sich, zieht seinen imaginären Hut, den wiederum nur ich zu sehen vermag, «Mein König. Ihr habt zwar grosse Schuld auf Euch geladen. Doch das Schicksal war Euch gnädig. Es ist wahr. Atari lebt. Samuel konnte Euren Befehl wegen seines Herzens Milde nicht ausführen. Die beiden werden schon bald an jenem sicheren Ort sein, von welchem Euch Eure Töchter berichtet haben. Lasst zwei Pferde satteln. Wir wollen sogleich aufbrechen. Ich selbst werde Euch zu Euren beiden Söhnen, Eurer Schwiegertochter und Euren Enkeln geleiten!», und mit einem Blick zu mir: «Und Ihr müsst die Geschichte so drehen und wenden, dass sie mit meiner zusammenpasst. Keine Umwege, Abstecher oder Abschweifungen, wenn ich bitten darf!»
Ich blicke den beiden Davoneilenden verblüfft und konsterniert nach. “Keine Umwege“, dass ich nicht lache!
«Keine Umwege, Abstecher oder Abschweifungen, was hat Hermes damit gemeint?», erkundigt sich Lio.
«Ich soll kurz und prägnant erzählen, wie Samuel und Atari auf dem kürzesten Weg zu jenem sicheren Ort geritten seien – ihr wisst schon, was er damit gemeint hat – ohne dass sie von Räubern überfallen, in unwegsames Gelände oder eine unüberwindliche Schlucht geraten würden», erkläre ich.
«Sind sie denn überfallen worden?», das ist die neugierige Dana.
«Das darf ich ja gerade nicht erzählen! Und ich wäre so in Schwung gewesen!», erwidere ich verdrossen, «Es war eine Sumpflandschaft, ein gefährliches Moor, mit Irrlichtern in der Nacht», fahre ich weiter, «Durch Moore zu wandeln ist heimtückisch, denn man muss schon sehr geübt sein darin, die standfesten Orte auszumachen, sonst...»
«Sonst was?», das ist der neugierige Lio.
«Sonst kann man im Schlamm einbrechen. Und wenn man Pech hat, ersäuft man elendiglich!», erkläre ich ihm, «Aber sie hatten zum Glück den Knäuel, der ihnen den besten Weg durch das Moor zeigte. Wobei...»
«Wobei was?», wiederum Lio.
«Wobei der Knäuel schon etwas Schaden erlitt durch all die Feuchtigkeit und den Schlamm.»
«War das nun eine Abschweifung?», erkundigt sich die vorwitzige Lahja.
«Ja, das war es, meine Kleine!», antwortet Dana herzlich.
«Gab es noch weitere Hindernisse?», wiederum der neugierige Lio.
«Ja, freilich!»
«Komm schon! Erzähl!», nochmals Lio.
«Sie kamen an ein Gebirge, das sie überqueren mussten. Der Pfad jedoch war schmal und steil, weshalb sie von den Pferden steigen und sie am Zügel haltend führen mussten. Da gerieten sie in einen heftigen Schneesturm. Sie sahen kaum noch die Hand vor Augen, geschweige denn den wegweisenden Knäuel Garn, zudem deckte der Schnee den schmalen Pfad allmählich zu. Anhalten ging nicht, sie wären erfroren. So irrten sie weiter. Es dunkelte bereits, als sie eine Hütte entdeckten und sich in Sicherheit bringen konnten. Am nächsten Tag war der Spuk vorbei. Es war windstill, am blauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen und die Sonne lachte ihnen von früh bis spät!»
«Sind sie denn nie bei Anette angelangt?», jetzt Dana, mit leicht ängstlicher Stimme.
«Oh, doch. Schon vor Tagen!»
«Jetzt schummelst du. Wenn Atari doch heute mit Samuel weggeritten ist, kann er nicht seit Tagen bei Anette sein!», belehrt mich Lio.
«Wenn Hermes jetzt hier wäre, könnte er dir erklären, dass hier niemand auf den Lauf der Zeit achtet, noch auf die Jahreszeiten!», versuche ich ihm die Sachlage begreiflich zu machen.
«Sagte nicht die schöne Königstochter, Ihr wisst schon, jene im verzauberten Schloss, jene Prinzessin, welche Atari zum Wasser des Lebens verhalf... Also jene Königstocher hiess doch Atari im vollen Frühling wiederzukehren, sie würde dann ein grosses Fest veranstalten und beide würden heiraten?», das war Lara.
«Ja und?», ich.
«Jetzt ist voller Frühling!»
«Das wollte ich eben auch erzählen. Atari und Samuel sind bereits vor einigen Tagen bei Anette eingetroffen. Nach einem feierlichen Mahl hat sich Atari verabschiedet, sich auf sein schwarz-weiss geschecktes Pferd geschwungen und bei seinem Weggang freudig erklärt: “Ich reite jetzt zur schönen Prinzessin, die auf mich wartet, um mich zu ehelichen!“, und galoppierte davon. Doch zuvor...»
«Was ist los? Was war zuvor?», das fragt Dana.
«Ich habe in der Eile, ja, weil ich doch Hermes Rat befolgen wollte, keine Umwege, Abschweifungen und Abstecher zu erzählen, zwei wichtige Ereignisse übersprungen!», erkläre ich nachdenklich, «Nein sogar drei!»
«Erstens hat nämlich der König Boten in alle Richtungen ausgeschickt, um überall zu verkünden, dass er seinem Sohn Atari vergeben hätte und diesen bitte, nach Hause zurückzukehren?», funkt mir der alte Mann dazwischen.
«Wie konntet Ihr davon wissen?», frage ich ihn verdutzt.
«Ich bin zwar alt, aber hören tue ich ausgezeichnet. Habt Ihr nicht die Hörner gehört, in die geblasen wurde?»
«Ja, wenn die Boten ausreiten, dann nehmen sie Hörner mit, um auf sich aufmerksam zu machen, um die Leute zusammen zu rufen», klärt mich Lahja auf.
«Das erste Mal lassen sie die Hörner erklingen, wenn sie sich auf den Weg machen», hilft mir Lio auf die Sprünge, «Aber was war das zweite und dritte Ereignis?»
«Samuel und Atari wurden beinahe zweimal von je einem Reiter... Nein, es war so. Atari und Samuel liessen ihre Pferde im ruhigen Schritt dahintraben, um in aller Ruhe miteinander plaudern zu können. Da kam ein Reiter von hinten angesprengt und hat sie beinahe über den Haufen geritten. Ihre Pferde jedoch hatten den Reiter schon von weitem gehört und retteten sich mit einem Satz auf die Seite. Ataris Pferd nach rechts, Samuels Pferd nach links.»
«Wer waren denn die Reiter?», das fragt Lahja.
«Der erste war Nahuel. Und bevor Ihr mich fragt, wohin des Weges er so schnell ritt, will ich es Euch verraten: Er machte sich auf, um die schöne Prinzessin im verzauberten Schloss zu ehelichen!»
«Aber sie erwartet Atari und nicht Nahuel!», empört sich Dana.
«Und der zweite Reiter war bestimmt Miro mit demselben Ziel?», schlussfolgert Lara.
«Genau!»
«Dann kommt Atari zu spät!», entrüstet sich jetzt Lio.
«Mitnichten!», ich freue mich, endlich wieder zu Wort zu kommen, «Jetzt passt genau auf: Die schöne Königstocher aber hat eine Strasse vor ihrem Schloss machen lassen, die war ganz golden und glänzend, und sagte ihren Leuten, wer darauf geradeswegs zu ihr geritten käme, das wäre der rechte, und den sollten sie einlassen, wer aber daneben käme, der wäre der rechte nicht, und den sollten sie auch nicht einlassen. Als nun Nahuel merkte, dass es ja voller Frühling wäre und die Zeit bald herum war, dachte er, er wollte sich eilen, zur Königstochter gehen und sich für ihren Erlöser ausgeben, da bekäme er sie zur Gemahlin und das Reich daneben. Also ritt er fort, und als er vor das Schloss kam und die schöne goldene Strasse sah, dachte er “das wäre jammerschade, wenn du darauf rittest,“ lenkte ab und ritt rechts nebenher. Wie er aber vor das Tor kam, sagten die Leute zu ihm, er wäre der rechte nicht, er sollte wieder fortgehen. Bald darauf machte sich – wie wir wissen – Miro auf, und wie der zur goldenen Strasse kam und das Pferd den einen Fuss daraufgesetzt hatte, dachte er “es wäre jammerschade, das könnte etwas abtreten,“ lenkte ab und ritt links nebenher. Wie er aber vor das Tor kam, sagten die Leute, er wäre der rechte nicht, er sollte wieder fortgehen.
Atari aber war an jenem Ort, wo eben gerade auch Hermes und Ataris Vater, der König, eintrafen. Sein Vater bat ihn um Vergebung und so weiter. Ihr könnt Euch bestimmt vorstellen, wie geknickt und verzweifelt der König war. Da vergab ihm Atari und erklärte ihm, er müsse sich jedoch jetzt beeilen, um zu seiner Liebsten zu reiten. Da verabschiedeten sich alle von Atari und dieser machte sich auf den Weg.»
«Hat sich Atari zweimal verabschiedet?», wendet Lio zweifelnd ein.
«Zweimal?»
«Ja, er hat sich doch bereits von der kleinen Schar, von Hermes, seinem Vater, dem König, Anette und so weiter, verabschiedet und jetzt noch einmal?»
«Das war doch wegen der Abschweifung oder Umwegs», klärt ihn Dana auf, «die Märchenerzählerin hat die Episode mit Nahuel und Miro in der Eile vergessen, sie jetzt erzählt, und deshalb hat sie nochmals dort anknüpfen müssen, wo Atari sich verabschiedet hat...»
«Danke Dana», fahre ich fort, «Atari also hatte sich verabschiedet und dachte danach nur noch an die wunderschöne Königstochter, die ihn erwartete. Er dachte daran, wie sie ihn geherzt und geküsst hatte, wie er am liebsten bei ihr geblieben wäre. Doch sie selbst hatte ihn fortgeschickt, ihm den Brunnen mit dem Lebenswasser gezeigt und ihn geheissen, einen Becher davon seinem Vater zu bringen. In Gedanken versunken ritt und ritt er dahin, sah kaum die schöne, hügelige Landschaft, kaum die schmucken Bauernhöfe, kaum die dunklen Wälder, die er durchquerte. Er ritt und dachte unentwegt an die schöne Königstochter. Je länger sein Ritt dauerte, desto grösser wurde seine Sehnsucht und seine Liebe zu ihr.
Atari war so tief in Gedanken versunken, dass er die goldene Strasse, welche die Königstochter hat erstellen lassen, gar nicht sah. Da ritt sein Pferd mitten darüber hin, und als er vor das Tor kam, ward es aufgetan, und die Königstochter empfing ihn mit Freuden und sagte, er wär ihr Erlöser und der Herr des Königreichs, und ward die Hochzeit gehalten mit großer Glückseligkeit. Und als sie vorbei war, erzählte sie ihm, dass sein Vater ihn zu sich entboten und ihm verziehen hätte. “Liebste Frau“, sagte da Atari zu ihr, “das weiss ich längst und ich habe ihm ebenfalls verziehen“»
«Schön!», seufzt Lahja.
«Und all dies ist in der kurzen Zeit geschehen, da wir hier sitzen und Euch zuhören?», fragt Lio skeptisch.
«Ich habe Hunger und Durst!», entgegne ich ihm, «Wenn Hermes hier wäre, könnte er dir erklären, wie es sich mit der Relativität der Zeit in diesen Gefilden hier verhält.»
«Wenn man vom Teufel – entschuldigt – wenn man von Hermes spricht: Seht da kommt eine Kutsche des Weges, Hermes sitzt auf dem Bock und leitet die Pferde! Wir sollten uns beeilen. Ab in die Küche, Mägde und Lio. Wir müssen in aller Eile Speis und Trank auftischen können!», meldet sich zum ersten Mal seit langem Berta zu Wort.
«Was ist jetzt mit Nahuel und Miro?», erkundigt sich Lio, bevor er sich auf den Weg macht.
«Ja, was ist mit Nahuel und Miro?», fragt nun auch Lahja.
«Ach, die werden jetzt all die Abenteuer erleben, wie sie es schon immer wollten. Helden sein, auf hohe Berge steigen, womöglich Glasberge, wo unerreichbar eine Prinzessin in einem Schloss weilt und erlöst werden will!», lacht Dana.
«Oder verborgene Schätze heben und unglaublich reich und berühmt werden, sodass alle Prinzessinnen in allen Landen ihnen zu Füssen liegen», scherzt jetzt Lara.
«Oder Prinzessinnen aus den Rachen von Meeresungeheuern oder feuerspeienden Drachen retten», spinnt Dana den Faden belustigt weiter.
«Ihr meint es nicht ernst!», jetzt ist Lahja beleidigt.
«Etwas aber wissen wir nicht!», stellt Lara gedankenverloren fest.
«Sag schon, was meinst du?», jetzt Dana neugierig.
«Es muss doch etwas mit den Schwänen und Anette geben!»
Liebe Kathrin. Himmel ja, Lara hat recht. Vor lauter Hochzeit und Abenteuer und Abschweifung habe ich die Geschichte von Anette und den Schwänen vergessen in das Märchengeflecht einzuweben. Was soll ich nur tun?
Ich sitze am Tisch in der Stube, ein blondgelockter Mann – wer das wohl sein mag? Sollte ich ihn kennen? – schenkt mir gerade einen Kaffee ein.
«Ist Euch nicht gut?», fragt er besorgt, «War die Reise zu heftig?»
«Die Reise? Welche Reise?», frage ich ihn ungläubig, «Mir ist ... schwindelig!»
«So trinkt noch einen Schluck des Armagnacs», rät mir der Mann – Hermes? Weshalb geht mir dieser Name durch den Kopf? Hat er sich denn vorgestellt?
Ich fühle mich verwirrt und durcheinander. Doch ich folge seinem Rat und nehme ein Schlückchen des bernsteinfarbenen Getränks. Die Flüssigkeit rinnt meine Kehle hinunter und wärmt meine kribbeligen Eingeweide.
Da trifft es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
«Anette!», rufe ich aus, «Die Schwäne!»
«Es ist alles in bester Ordnung!», beruhigt mich Hermes.
Ja, jetzt weiss ich es wieder. Das ist Hermes. Er hat sich vorgestellt – wann? – vorhin? Vor Tagen? Oder Wochen gar?
«Die Kutsche!», noch so ein Gedankenblitz der mich glühend heiss trifft.
«Die Kutsche, in welcher der König, sein ältester, ehemals verschollen geglaubter Sohn Emanuel, dessen Gattin Anette und ihre drei Kinder zurück ins Schloss fuhren, jawohl, diese Kutsche ist auch wohlbehalten im Schlosshof eingetroffen.»
«Drei Kinder?», ich schüttle ungläubig den Kopf.
«Ihr habt es soeben ausführlich erzählt», erklärt mir Hermes geduldig.
«Die Schwäne!», rufe ich entgeistert, «Die Schwäne sind nicht erlöst!»
«Ach, ach, ach!», Hermes schüttelt bedauernd den Kopf, «Ich hätte den längeren Weg einschlagen sollen. Nicht so geschwind und übereilt! Ihr müsst ein Blackout haben, meine Liebe.»
Plötzlich vernehme ich Geräusche aus der Küche. Ich drehe den Kopf und entdecke Lio und Dana – und die Königin!
«Hallo, Märchenerzählerin. Wir haben gedacht, wir bereiten eine Pavlova zu!», strahlt mich Lio an, «Die Panforte ist bereits im Ofen. Du hast wahrlich eine fantastisch wohl bestückte Vorratskammer in den Kellerräumlichkeiten!»
«Aber Euer Haus – so klein, so mickerig! Nicht einmal eine abgetrennte Küche ist vorhanden. Kein Park ringsum, kein Wald, kein Schlossteich, ja nicht einmal eine Mauer, die Euer Grundstück befriedet», tadelt mich die Königin, «Und keinerlei Bedienstete, wie es der Anschein macht.»
«Was ist geschehen?», frage ich immer noch völlig verwirrt in die Runde.
Hermes sieht mich besorgt an: «Ihr wisst es tatsächlich nicht?»
Die Königin setzt sich neben Hermes an den Tisch und sieht mich fröhlich an: «Ihr habt es gut eingefädelt, dass ich nicht auf dem Scheiterhaufen endete!»
«Scheiterhaufen?»
«Ja, im Märchen hätte ich doch Anettes drittes Kind gleich wie die beiden ersten entführt, hätte Anette wiederum Blut um den Mund gestrichen und Emanuel hätte mir diesmal geglaubt. Emanuel selbst hätte Anette dem Gericht übergeben und sie wäre zum Tod verurteilt worden...»
«Eins nach dem anderen!», greift Hermes ein, «Lasst mich erzählen!»
«Halt, wartet!», unterbricht ihn Lio, «Die Pavlova ist gleich so weit. Leider mussten wir getrocknete Himbeeren nehmen, frische waren nicht vorhanden, der Rahm hingegen ist kühl und süss!»
Dana holt Teller, Gabeln, hohe, schmale Sektgläser und Stoffservietten aus den Schränken und Schubladen, sodass ich nur noch staune, wie gut sie sich bei mir auskennt, und richtet das Gedeck gekonnt auf dem Tisch her, derweil Lio die Pavlova auf einer Tortenplatte drapiert, sie auf den Tisch stellt, in Stücke schneidet und jedem von uns eines auf den Teller legt. Mit Erstaunen beobachte ich Hermes eine Flasche eines naturtrüben Perlweins öffnen und uns allen einschenken.
«Weshalb seid Ihr denn alle hier?», stottere ich.
«Um das glückliche Ende eines verzwickten Märchens zu feiern!», spottet Hermes, «Nein, nein, wir haben bereits gefeiert. Eine legendäre Feier, die offenbar aus Eurem Gedächtnis wegradiert ist. Wir wollten Euch begleiten, das ist der einfache Grund», mit diesen Worten erhebt er sein Glas, «Auf das glückliche Ende!», und zu mir gewandt: «An was erinnert Ihr Euch zuletzt?»
«Die Kutsche!»
«Ja, die Kutsche!», erwidert die Königin und trinkt einen kräftigen Schluck des prickelnden Weins, «Die Kutsche, von Hermes gelenkt, fuhr in den Schlosshof. Ich trat verwundert hinzu. Mein Gatte öffnete die Tür und reichte Anette die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Anette trug einen Säugling auf den Armen...»
«Dann wurde die Königin wütend, ja rasend. Ist auf die beiden zu gerannt, nein, nicht bloss gerannt, sie ist auf die beiden zugestürzt, wollte sie...», fährt Lio fort.
«Ja, ich wollte sie mit Vorwürfen überschütten! Vorwürfen und Schimpftiraden», und nachdenklich fährt die Königin fort: «Wenn ich ein Messer in der Hand gehabt hätte, ja, ich weiss nicht, was dann geschehen wäre – Jedenfalls hatte ich kein Messer bei mir. Ich geh also auf Anette zu, zornig, rasend gar, da, in diesem Augenblick ertönte ein Rauschen über dem Schlosshof und sechs Schwäne kamen herbeigeflogen!»
«Die Schwäne setzten sich zum Erstaunen aller nieder, Anette trat hinzu, den Säugling hatte sie inzwischen der Amme übergeben, und warf sechs Hemdchen auf die Schwäne, die sich alsbald zu Jünglingen verwandelten», fährt Lio fort, «Die Jünglinge umarmten Anette! Sie herzten und küssten sie und weinten zugleich. Anette konnte plötzlich sprechen. Sie nannte jeden ihrer Brüder beim Namen – denn die Jünglinge waren ihre Brüder – und diese nannten sie Sonja. Ich war erschüttert!»
«Alle waren erschüttert!», führt Hermes das Geschehen fort.
«Am meisten ich!», ruft die Königin dazwischen, «All meine Pläne lösten sich in Luft auf! Anette – vielmehr Sonja – erklärte uns, sie sei eine Königstochter und ihre Stiefmutter, eine Hexe, habe ihre Brüder in Schwäne verwandelt. Deshalb habe sie sechs Jahre schweigen und aus den Blüten von Sternblumen sechs Hemdchen nähen müssen. Ich blöde Kuh habe meinen Sohn jahrelang vor ihr schützen wollen. Ich dachte doch, sie sein eine hergelaufene Dirne, eine mittellose Magd, bestenfalls eine dumme Bauerstochter. Auf jeden Fall keine Königstocher, welche würdig wäre, meinen Sohn zu ehelichen! Weshalb hatte sie denn auch keinen Siegelring am Finger, der ihre Herkunft klar ausgewiesen hätte?»
«Das war’s?», es gefällt mir nicht, wie banal das Märchen ausgegangen war.
«Ja, das war’s. Ich habe mich vor der ganzen Hofstatt blamiert. Ich die Königin! Anette – ich meine Sonja – konnte ihren Mund nicht halten...»
«Nein, das war Benjamin, der jüngste ihrer Brüder!», korrigiert sie Dana, «Benjamin erzählte, wie schauderhaft du gehandelt hast. Mutter! Du hast Anette-Sonja bei Emanuel beschuldigt, eine Menschenfresserin zu sein! Wie konntest du nur!», empört sich Dana.
«In guten wie in bösen Zeiten!», murmelt Lio.
«Was sagst du da?», entrüstet sich die Königin, «Willst du mich, die Königin, beleidigen?»
«So sagte doch Euer Gatte, als er zu Euch kam. “In guten wie in bösen Zeiten zusammenzubleiben“, so hättet Ihr Euch gegenseitig gelobt. Er habe seine böse Zeit gehabt, und nun Ihr die Eure!»
«Halt!», rufe ich dazwischen, «So kann man ein Märchen nicht zurechtbiegen, damit am Ende alle zufrieden sind! Das ist falsch!»
«Man kann sehr wohl!», zwinkert mir Hermes mit einem belustigten Lächeln zu, «Doch jetzt wollen wir diese wunderbare Pavlova geniessen, dazu den feinen Wein. Inzwischen ist bestimmt Anettes, ich meine Sonjas Vater im Schloss eingetroffen!»
«Anettes Vater?», frage ich verdutzt.
«Ach, Ihr habt nach wie vor Nachwirkungen der Reise? Erinnert Ihr Euch denn nicht an Anettes Vater, der jeden Tag durch den undurchdringlichen Wald zur Lichtung wanderte, wo das verborgene Schloss steht, um zu schauen, ob nicht eines seiner Kinder zurückgekehrt ist!»
«Und der frisch verheiratete Emanuel wird mit seiner angetrauten Königstocher ebenfalls nächstens eintreffen», ergänzt Lio, «Ich muss bald zurück sein, um in der Küche mit anzupacken!»
«Warum sind wir denn hier?», frage ich, «Ich müsste doch auch dort sein! Ein Bankett! Ein Festmahl!»
«Darum!», antwortet Hermes spöttisch und zeigt auf meinen Laptop, der auf meinem Arbeitsplatz in der Stube steht. Auf dem Laptop blinkt eine Zahl: “25“.
«Ihr habt noch einiges zu tun!», erinnert mich Hermes, «Ihr müsst die Weihnachtsgeschichte heute zu Ende schreiben! Schaut mich bitte nicht so entgeistert an! Und nehmt doch endlich eine Gabel voll dieser herrlichen Pavlova! Und genehmigt Euch einen Schluck dieses himmlischen Perlweins, solange er noch kühl und spritzig ist!»
Da stupst mich Dana an: «Kommt doch mit! Wir Prinzessinnen hatten bisher keine Rolle inne. Wir waren nicht einmal Statisten. Ihr müsst ein Märchen erzählen, wo es um Prinzessinnen geht und nicht nur um grössenwahnsinnige Prinzen», sagt’s, steht auf, nimmt mich bei der Hand, zieht mich mit, ich sehe noch das blinkende 25, denke an dich Kathrin, ich sollte doch das Märchen zu Ende schreiben, doch wie könnte ich Dana widerstehen? Schon sitze ich in der Kutsche, Lio mir gegenüber, die Platte mit der Panforte auf dem Schoss, die Königin blinzelt mir zu, vergnügt und frohgemut - wo ist Hermes? – doch das spielt keine Rolle mehr, es herrscht ein Schneesturm draussen und ich gewahre, dass ich gerüstet bin mit dickem Pelzmantel, mit Pelz gefütterten Schuhen, Pelzmütze, desgleichen die Königin, Lio und Dana. Jetzt steigt Hermes ein, lächelt mich mir zu, gleicht einen kurzen Augenblick dem alten Mann, der die Wege wischt und die Rosen schneidet, mit Anette durch den Park schlendert und mit ihr über die Pflanzen spricht. Könnte der alte Mann Hermes sein? Ja oder nein? Hermes lächelt mir zu, ein verschmitztes Lächeln, so muss er Zeus von sich eingenommen haben, geht es mir durch den Kopf, er schmunzelt schelmisch, ahnt er, dass das Märchen weitergehen soll, dass Dana die Prinzessin auf der Erbse spielen will, die Königin jedoch...
Mein Kopf schwirrt, ich sehe an mir herunter. Erblicke das blaue Kleid, das goldene Kettchen. Kein Pelzmantel, keine mit Pelz gefütterten Schuhe. Ich sitze an meinem Schreibplatz, starre auf den Bildschirm meines Laptops, wo eine Zahl aufdringlich blinkt:
– 25 –
Draussen tobt ein Schneesturm.
Ach! Ich wollte, ich hätte Danas Hand nicht losgelassen!